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Dienstag, 16. April 2019

Die Überschwemmungen im Iran haben 25 Provinzen betroffen. Insgesamt sind 61 große und kleine Strassen unpassierbar. 4400 Dörfer im ganzen Land haben mit dem Hochwasser zu kämpfen. Als Beispiel mag hier ein Dorf namens Asharebozorg dienen, das 45 km von Ahwaz, Provinz Chuzestan, entfernt liegt. Die Katastrofe hat es besonders hart getroffen. Fast alle Häuser sind ruiniert, weil sie völlig oder auch nur zum Teil unter Wasser stehen. Es fehlt hier an Lebensmitteln und Trinkwasser und von staatlicher Hilfe ist weit und breit nichts zu sehen. Die Menschen helfen sich selbst.

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Montag, 15. April 2019

Auch zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen erfährt das Manifest gegen die Arbeit auf allen Publikationskanälen und in den verschiedensten Sprachen weiterhin ungebrochenen – und in letzter Zeit sogar wieder wachsenden – Zuspruch. Und da es trotz seiner freien Zugänglichkeit im Internet immer noch eine rege Nachfrage nach der gedruckten Fassung gibt, haben wir uns zur Veröffentlichung einer vierten Auflage entschlossen. Weil sich jedoch seit der Erstveröffentlichung im Jahr 1999 nicht nur die gesellschaftliche Situation verändert hat, sondern auch wir, die Gruppe Krisis, unser theoretisches Instrumentarium geschärft haben, ist diese Ausgabe mit einem ausführlichen Nachwort ergänzt worden, in dem wir einige Punkte aus dem Manifest in gewisser Weise aktualisieren und präzisieren.

Link zum Nachwort

Link zum Manifest gegen die Arbeit

Bestellungen bitte an krisisweb@yahoo.de zu den folgenden Konditionen:
1 – 4 Ex.: 3 € pro Stück
ab 5 Ex.: 2 € pro Stück
jeweils plus Versandpauschale von 1,50 € pro Sendung

Die Krisis-Redaktion

 

 

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Seit wir vor fast 20 Jahren das Manifest gegen die Arbeit veröffentlichten hat sich die fundamentale Krise des Kapitalismus nicht nur in ökonomischer Hinsicht rasant verschärft, sondern stellt zunehmend den Bestand der Warengesellschaft insgesamt in Frage. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen schreitet ungebremst voran, die soziale Zerklüftung der Welt hat dramatische Ausmaße angenommen und auf politischer Ebene erleben wir eine unheimliche Wiederkehr kollektiver Identitäten, die mit dem Aufschwung nationalistischer, rechtsextremer und linkspopulistischer Parteien und Bewegungen einhergehen. Dass die quasi-religiöse Überhöhung der Arbeit darunter nicht gelitten hat, kann nicht verwundern, stellt sie doch ein konstitutives Element der modernen Subjektivität dar und verweist darin auf die zentrale Stellung der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. Allerdings hat sich die arbeitsideologische Ausrichtung seit den 1990er Jahren in mancher Hinsicht verändert. Stand damals das Abfeiern der individuellen Leistungsbereitschaft im Mittelpunkt, gemäß dem neoliberalen Motto, wonach jeder und jede für das eigene Glück selbst verantwortlich zu sein habe, so ist mittlerweile die Anrufung der Arbeit wieder verstärkt in das Zentrum kollektiver Identitätskonstruktionen gerückt und flankiert ideologisch die nationalistische Abgrenzung und den rassistischen Ausschluss. Hinzu kommt die altbekannte, antisemitisch konnotierte Entgegensetzung von „ehrlicher Arbeit“ und „parasitärem Finanzkapital“, die im Zuge des anhaltenden Krisenprozess eine Renaissance erfahren hat. Neu ist das nicht. Schon in den 1990er Jahren mengten sich diese ideologischen und identitären Momente in den neoliberal dominierten Arbeitsfetischismus; wir haben das auch bereits im Manifest thematisiert. Allerdings prägen sie nun den Arbeitsdiskurs in zunehmender Weise

Die Kritik der Arbeit bleibt daher so aktuell wie eh und je. Jedoch hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht nur die gesellschaftliche Krise weiter zugespitzt; auch die Wertkritik ist in ihrer theoretischen Entwicklung nicht stehen geblieben. Mit einem geschärften begrifflichen Instrumentarium sind wir heute in der Lage, den Krisenprozess nicht nur in seinen ökonomischen und politischen, sondern auch in seinen subjektiven und ideologischen Dimensionen in vieler Hinsicht präziser zu analysieren. Es ist unmöglich, das hier ausführlich darzustellen, doch sollen einige wichtige Aspekte zumindest kurz skizziert werden. Wer diese weiterverfolgen möchte, sei auf die Texte verwiesen, die sich in den Endnoten finden.[1]

***

Beginnen wir zunächst mit einigen Bemerkungen zur ökonomischen Entwicklung im engeren Sinne. Es könnte vielleicht mit Blick auf die blanken empirischen Daten so scheinen, als hätten wir uns im Manifest mit dem Satz, wonach der „Verkauf der Ware Arbeitskraft … im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein (wird), wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen“ [2], etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Dennoch bleibt die zentrale krisentheoretische Aussage, wonach die Dritte Industrielle Revolution zu einer absoluten Verdrängung der lebendigen Arbeit aus der Wertproduktion geführt und eine fundamentale Krise der Kapitalverwertung eingeleitet hat, weiterhin uneingeschränkt gültig. Zwar ist es richtig, dass die Nachfrage nach Arbeitskraft im weltweiten Maßstab nicht so massiv eingebrochen ist, wie es der zitierte Satz nahelegt; in einigen Boomregionen, vor allem in China und Südostasien, sind sogar inzwischen massenhaft neue Arbeitsplätze entstanden. Doch das widerlegt nicht die Aussage, dass die Grundlage der Kapitalverwertung immer schmaler geworden ist. Denn das gewaltige wirtschaftliche Wachstum in diesen Regionen wie in einigen kapitalistische Zentren beruht zum allergrößten Teil auf der gigantischen Akkumulation von fiktivem Kapital an den transnationalen Finanzmärkten, welche die weltwirtschaftliche Dynamik seit einigen Jahrzehnten in Gang hält. Es ist also ein Ausdruck und ein Effekt jenes finanzmarktbasierten Krisenaufschubs, der mit der neoliberalen Revolution in den 1980er Jahren eingeleitet wurde.

Nun hatten wir diesen Krisenaufschub durch das fiktive Kapital zwar schon im Manifest thematisiert, doch im Rückblick ist zu sagen, dass wir dessen innere Dynamik und Bewegungslogik nicht ausreichend verstanden und deshalb auch seine Dimensionen und seinen Zeithorizont falsch eingeschätzt hatten. Wir gingen davon aus, dass die „kasinokapitalistische Simulation der Arbeitsgesellschaft“, wie wir es damals nannten, bald schon an ihre Grenzen stoßen müsste. Diese Einschätzung war nicht richtig. Selbst der große, globale Finanzmarktcrash von 2008, der zweifellos einen qualitativen Einschnitt im langen Krisenprozess darstellte und die Weltwirtschaft an den Rande des Abgrunds trieb, konnte noch einmal aufgefangen werden. Mit gewaltigen Konjunktur- und Bankenrettungsprogrammen sowie durch eine extrem lockere Geldpolitik gelang es den Regierungen und Zentralbanken, die finanzmarktgetriebene Akkumulation wieder auf Touren zu bringen – die Kosten für viele Länder vor allem im Süden Europas, waren allerdings enorm.

Dass wir den Verlauf der Krise insbesondere in seinen zeitlichen Dimensionen vor rund zwanzig Jahren anders einschätzten, hatte hauptsächlich theorieimmanente Gründe. Gemessen an der kategorialen Klarheit, mit der wir in den 1980er und 1990er Jahren die Krise der Wertverwertung analysierten, blieb unsere Analyse des fiktiven Kapitals zunächst defizitär. Zwar griffen wir diesen Begriff auf, und interpretierten ihn gegen den Strich des traditionellen Marxismus, der im Grunde nur auf Mehrwertabschöpfung beruhende Kapitalakkumulation kennt, weshalb das fiktive Kapital in seinen Analysen allenfalls eine Nebenrolle spielt. Demgegenüber insistierten wir schon seit den 1980er Jahren darauf, dass das fiktive Kapital habe die Wertverwertung als die treibende Kraft der Kapitalakkumulation ersetzt habe, und billigten so dem Finanzmarktgeschehen eine eigenständige Bedeutung im Akkumulationsprozess zu. Die grundlegende Differenz zwischen der Bildung von fiktivem Kapital und der auf Wertverwertung beruhenden Kapitalakkumulation wurde aber in einer Art und Weise begründet, die diesen Bruch wieder halb zurücknahm.[3]

Im Kern reduzierten wir nämlich die Dynamik des fiktiven Kapitals auf die Anhäufung immer höherer Schuldenberge, vor allem von Staatsschulden, mit deren Hilfe die Akkumulation des Kapitals „simuliert“ und, wie es im Manifest heißt, der „Arbeitsgötze …künstlich beatmet“ würde.

Die Akkumulation an den Finanzmärkten hatte also aus unserer damaligen Sicht im Grunde bloßen Scheincharakter – im Unterschied zur „echten Akkumulation“ durch die Vernutzung von Arbeitskraft – und es erschien daher logisch, dass sie sehr bald schon an ihre Grenzen stoßen musste. Daraus ergab sich auch, dass wir über die Finanzmarktdynamik und ihre innere Logik sowie über ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft nur sehr allgemeine und unkonkrete Aussagen treffen konnten. Schon allein in Anbetracht der langen Dauer der Epoche des fiktiven Kapitals war das jedoch äußerst unbefriedigend und verwies auf Schwächen in der theoretischen Analyse.

In jüngerer Zeit haben wir deshalb das Augenmerk verstärkt darauf gerichtet, die Binnengeschichte der Epoche des fiktiven Kapitals zu analysieren. Dazu bedurfte es allerdings einer Präzisierung des Begriffs des fiktiven Kapitals und eines entsprechenden kategorialen Instrumentariums, mit dem sich die Vermehrung fiktiven Kapitals als eine eigene Form von Kapitalakkumulation begreifen ließ. Zu erklären war dabei erstens, worauf die eigenständige Akkumulationspotenz des fiktiven Kapitals beruht, die keinesfalls bloß „scheinbar“ ist, zweitens aber auch, woraus sich die inneren Grenzen dieser spezifischen Form der Kapitalakkumulation ergeben und wie sie erreicht werden.

Diesen theoretischen Schritt hat Ernst Lohoff vor einigen Jahren in dem Buch Die große Entwertung unternommen und, anknüpfend an die Fragment gebliebenen Überlegungen von Karl Marx zum zinstragenden Kapital aus dem dritten Band des Kapital, eine eigene Kritik der Politischen Ökonomie fiktiver Kapitalbildung entwickelt.[4] Ausgangspunkt ist die Marxsche Feststellung, dass die Vergabe eines Kredits oder die Ausgabe von Aktien dem veräußerten Geldkapital zu einer zeitlich befristeten Doppelexistenz verhilft. Neben die ursprüngliche Geldsumme tritt nämlich für die Laufzeit des Kredits oder die Lebenszeit der Aktie der monetärer Anspruch des Geldgebers. Hat dieser monetäre Anspruch eine übertragbare Form, also die Form eines Finanztitels, dann kann er selber als Ware gehandelt werden, und diese Verdopplung ist gleichbedeutend mit einer spezifischen Form von Kapitalakkumulation. Denn das Spiegelbild des Ausgangskapitals repräsentiert, in der Gestalt des entsprechenden Finanztitels, genauso einen Teil des kapitalistischen Gesamtreichtums wie das Originalkapital selber. Es ist dieser seltsame Mechanismus, der im gegenwärtigen Kapitalismus die Grundlage der globalen Kapitalakkumulation bildet. Solange die Masse der als Ware handelbaren monetären Ansprüche immer schneller anschwillt, kann auch das System des abstrakten Reichtums insgesamt auf Expansionskurs bleiben.

Allerdings bedeutet die Dominanz der finanzindustriellen Akkumulation keine völlige Entkoppelung des Akkumulationsprozesses von der Realwirtschaft. Auch die finanzindustrielle Kapitalbildung bleibt auf ihre Weise immer auf realwirtschaftliche Größen bezogen. Sie setzt zwar keine bereits stattgefundene Verwertung, also vergangene Mehrwertproduktion, voraus, kapitalisiert aber Gewinnerwartungen der Zukunft. Oder anders gesagt, sie stellt die Akkumulation von zukünftig erst zu produzierendem Wert dar. Als solche aber ist sie abhängig von Erwartungen und Hoffnungen auf zukünftige Gewinnsteigerungen in den Gütermärkten oder jedenfalls in bestimmten Gütermärkten. Jeder Immobilienboom beruht auf der Perspektive steigender Immobilienpreise, und jede Hausse an den Börsen bezieht ihre Dynamik aus der Hoffnung auf künftige Unternehmensgewinne.

Diese Abhängigkeit von realwirtschaftlichen Hoffnungsträgern, auf die sich die Gewinnerwartungen beziehen, erklärt die spezifische Krisenträchtigkeit der Epoche des fiktiven Kapitals. Immer wenn sich solche Erwartungen als Illusionen erweisen und Spekulationsblasen platzen, verliert das angehäufte fiktive Kapital schlagartig seine Gültigkeit und die Bildung von neuem fiktivem Kapital gerät ins Stocken. Wie zuletzt in der globalen Krise von 2008, droht dann eine wirtschaftliche Abwärtsspirale, in welcher der durch die Aufblähung des Finanzüberbaus überspielte basale Krisenprozess manifest wird. Verhindern lässt sich das nur auf einem Weg: durch die Schaffung neuer, noch größerer Mengen an fiktivem Kapital, dessen Akkumulation durch Gewinnerwartungen auf anderen Feldern der Realwirtschaft genährt wird. Doch je länger die Epoche des fiktiven Kapitals andauert, desto schwerer fällt es, solche neuen Felder realwirtschaftlicher Hoffnungsträger zu erschließen, während sich gleichzeitig fortlaufend die Ansprüche auf zukünftigen Wert, die eigentlich schon gar nicht mehr einlösbar sind, immer höher auftürmen. Hierin liegt die innere Schranke des von der finanzindustriellen Akkumulation getragenen Kapitalismus.

Mit dem Finanzcrash von 2008 war diese innere Schranke eigentlich schon erreicht. Nur die massive und koordinierte Intervention der wichtigsten Regierungen und Zentralbanken verhinderte, dass die Weltwirtschaft in einen Abwärtsstrudel ungeheuren Ausmaßes geriet. Seither wird die Akkumulation des fiktiven Kapitals im Kern nur noch durch die Politik der Zentralbanken in Gang gehalten, die riesige Mengen Umsonstgeld in die Finanzmärkte schleusen und die Regierungen großenteils durch den massenhaften Ankauf von Staatsanleihen direkt finanzieren. Zwar findet auch weiterhin eine Akkumulation von privatem (also nicht-staatlichem) fiktivem Kapital statt, die sich auf bestimmte realwirtschaftliche Hoffungsträger bezieht (Immobilien, Künstliche Intelligenz, Elektromobilität etc.), doch steht dieses nicht mehr im Zentrum der Dynamik an den Finanzmärkten, sondern ist weitgehend abhängig von den Geldgeschenken der Zentralbanken.[5]

Wenn wir die Akkumulation des fiktiven Kapitals nun nicht mehr bloß als „Scheinakkumulation“ begreifen, sondern als eine spezifische Form der Akkumulation, die ihren eigenen Gesetzen folgt (und ihre eigenen inneren Schranken besitzt), dann können wir auch genauer bestimmen, welche Konsequenzen sich daraus für die Kategorie der Arbeit ergeben – und damit natürlich auch für die Masse der Menschen, die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind. Zunächst ergibt sich, dass die Arbeit, ökonomisch betrachtet, einen ganz grundsätzlichen Bedeutungsverlust erfährt, wenn das Kapital sich nicht mehr maßgeblich durch die Vernutzung von Arbeitskraft vermehrt sondern sich direkt auf sich selbst bezieht.

In der Epoche des klassischen Kapitalismus, der auf der Verwertung des Werts beruhte und der mit der Krise des Fordismus in den 1970er Jahren zu Ende ging, war die Arbeitskraft die Basisware der Kapitalakkumulation. Denn sie stellt die einzige Ware dar, deren Gebrauchswert darin besteht, Wert und Mehrwert zu produzieren. Diese Sonderstellung bedeutete für die Verkäufer der Ware Arbeitskraft zwar einerseits, sich täglich in den Dienst des Kapitals stellen zu müssen und sich den Zwängen der Wertproduktion zu unterwerfen; andererseits verschaffte sie ihnen jedoch auch eine relativ starke Verhandlungsposition gegenüber dem Kapital, die es ihnen ermöglichte, zumindest in den kapitalistischen Zentren, deutliche Verbesserungen bei der Entlohnung, den Arbeitsbedingungen und der sozialen Absicherung durchzusetzen. Hinzu kam, dass die spezifischen Produktionsbedingungen der standardisierten Massenarbeit vor allem in der Epoche des Fordismus eine breite gewerkschaftliche Organisierung begünstigten.

Die Dritte industrielle Revolution hat diese Konstellation jedoch vollkommen über den Haufen geworfen und die gesellschaftliche Position der Ware Arbeitskraft grundlegend geschwächt. Mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ist das Wissen – genauer gesagt: die Anwendung des Wissens auf die Produktion – zur Hauptproduktivkraft geworden ist und damit Arbeit, die diese Stellung bisher innehatte, von ihrem Thron gestoßen worden. Gleichzeitig waren die neuen Informations- und Telekommunikationstechnologien auch eine wichtige Voraussetzung für die Herausbildung einer neuen transnationalen Arbeitsteilung, die es den Unternehmen erlaubte, das weltweite Gefälle bei Löhnen, Umwelt- und Arbeitsvorschriften, Steuern etc. systematisch zu nutzen, um ihre Produktionskosten zu senken. Damit aber wurde nicht nur die Verhandlungsposition der Arbeitskraftverkäufer noch zusätzlich geschwächt, auch das Verhältnis zwischen Ökonomie und Politik veränderte sich.[6] Während das Kapital zunehmend global agierte und sich direkt auf den Weltmarkt orientierte, blieb die Politik im Wesentlichen auf den nationalstaatlichen Rahmen beschränkt und büßte damit einen erheblichen Teil ihres ohnehin schon immer beschränkten Handlungs- und Gestaltungsspielraums ein. Im Gefolge mutierten die Staaten zu Einpeitschern der neoliberalen Politik, die mit allen Mitteln versuchen mussten, „ihren Standort“ attraktiv für das Kapital zu machen, um in der Weltmarktkonkurrenz mithalten zu können.

Der üblichen linken Sichtweise zufolge ist die umfassende Degradierung der Arbeit und die Schwächung der Nationalstaaten das Ergebnis einer neoliberalen Hegemonie, die von einflussreichen Kapitalfraktionen, Machtgruppen und globalen Eliten in einer Art „Klassenkampf von oben“ erfolgreich durchgesetzt wurde. Doch damit wird die Macht der Politik systematisch verkannt. Richtig ist zwar, dass der Neoliberalismus in gut organisierten Thinktanks schon lange ideologisch und politisch vorbereitet worden war, doch hegemonial wurde er nur deshalb, weil die Krise der 1970er und 80er Jahre ganz offensichtlich mit den keynesianischen Methoden nicht mehr gelöst werden konnte. Der Grund dafür aber war ein struktureller: dem Keynesianismus brach mit dem Ende des fordistischen Booms seine Grundlage weg und unter den Bedingungen der Dritten industriellen Revolution ließ sich die Verwertungsdynamik auch mit noch so vielen staatlichen Konjunkturprogrammen nicht mehr in Schwung bringen. Daher war das Feld für den Neoliberalismus bereitet, der mit dem Versprechen antrat, die Produktion wieder Schwung zu bringen und die Krise zu überwinden.[7]

Freilich ist es auch dem Neoliberalismus – trotz seiner brachialen Maßnahmen der Deregulierung des Marktes, der Prekarisierung der Arbeitsbedingungen, des sozialen Kahlschlags sowie der Privatisierung der öffentlichen Dienste und Infrastruktur – nicht gelungen, die Krise der Kapitalverwertung zu überwinden. Zwar kam tatsächlich in den 1980er und 1990er Jahren die Weltkonjunktur wieder auf Touren, aber der Grund dafür waren nicht angeblich effizientere Produktionsstrukturen, wie es die neoliberale Ideologie verkündete; dagegen spricht schon die Tatsache, dass in den Vorreiterländern des Neoliberalismus, den USA und Großbritannien, die industrielle Struktur großenteils vernichtet wurde. Vielmehr beruhte die erneuerte wirtschaftliche Dynamik maßgeblich auf der Akkumulation von fiktivem Kapital, die ihrerseits erst durch die neoliberale Politik der Deregulierung und der Öffnung der Finanzmärkte ermöglicht wurde. Insofern hat der Neoliberalismus keinesfalls die kapitalistische Krise verursacht, wie ein überaus gängiges Vorurteil behauptet sondern im Gegenteil diese sogar aufgeschoben, indem er dem Kapital ein neues Feld eröffnete, auf dem es noch für einige Jahrzehnte akkumulieren konnte. Die gesellschaftlichen Kosten dafür waren und sind indes verheerend.

***

Die Arbeitsideologie spielte eine wichtige Rolle in der Durchsetzung der neoliberalen Revolution und der von ihr eingeleiteten Epoche. Im Unterschied zum Fordismus, in dem die Identifikation mit dem allgemeinen Arbeitszwang den Stumpfsinn der standardisierten Massenarbeit und deren kollektivistische Züge flankierte, wurde nun jedoch eine individuelle Leistungsethik in den Vordergrund gerückt. Die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse und Zerschlagung des Sozialstaats galt aus neoliberaler Sicht als Sieg der Leistungswilligen gegenüber den „Faulen“, die sich angeblich auf Kosten der Gesellschaft in der „sozialen Hängematte“ ausruhten. Wer auf der Strecke blieb war selbst schuld und hatte sich halt nicht genügend angestrengt. Somit konnte die grassierende Massenarbeitslosigkeit und die Tatsache, dass der Kapitalismus auf dem gegebenen Niveau der Produktivität immer mehr „überflüssige Menschen“ produziert, zu einem Problem mangelndem individuellen Leistungswillens herabdefiniert werden. Auch die rasant wachsenden Einkommens- und Vermögensunterschiede ließen sich auf diese Weise sehr gut rechtfertigen, denn ein hohes Einkommen galt als angemessene Entlohnung für eine entsprechend hohe Leistungsbereitschaft. Der augenscheinlich zirkuläre Charakter dieser ideologischen Figur, wonach das Einkommen beweise, wie viel jemand geleistet habe, wo doch gleichzeitig dieses ja erst das Resultat eben dieser bestimmten Leistung sein soll, störte die neoliberalen Markteinpeitscher selbstverständlich nicht. Denn die Ideologie des Neoliberalismus ist im Grunde ein geschlossenes Wahnsystem, das die Selbstwidersprüche des kapitalistischen Systems in individuelle Willensverhältnisse umdeutet.

Genauer betrachtet, verrät die neoliberale Leistungsideologie jedoch einiges über das Verhältnis von Arbeit und Kapital in der Epoche des fiktiven Kapitals. Da die Arbeit hier nicht mehr den Motor der Kapitalakkumulation darstellt, sondern ihrerseits zur abhängigen Variable des fiktiven Kapitals geworden ist, spielt der stoffliche Inhalt praktisch keine Rolle mehr. Es kommt nur noch auf die blanke und vollkommen inhaltlose Leistung, die wiederum am blanken monetären Ergebnis gemessen wird. Der stumpfsinnige Produzentenstolz wurde so abgelöst durch den blöden Stolz auf ein pralles Bankkonto und auf idiotische Statussymbole des Erfolges oder des simulierten Erfolges. Voraussetzung dafür war aber, dass ein nennenswerter Teil der Bevölkerung trotz aller damit verbundenen Zumutungen und Selbstzurichtungen  noch an der Dynamik des fiktiven Kapitals partizipierte und sich einreden konnte,  auch in Zukunft noch zu den Gewinnern zu zählen.

Spätestens mit der Finanzkrise von 2008, in der sich die totale Abhängigkeit der Gesellschaft im Allgemeinen und der Arbeit im Besonderen von der Dynamik des fiktiven Kapitals schmerzlich offenbarte, platzte diese Fiktion jedoch. Die große Erzählung des (Neo-)liberalismus, wonach es jeder zu individuellem Wohlstand bringen könne, wenn er sich nur genügend anstrengte, verlor ihre gesellschaftliche Hegemonie.

Nicht weiter verwunderlich ist dabei, dass die Schockwellen der Krise primär keinesfalls die Teile der Bevölkerung in ihrem Welt- und Selbstbild erschütterten, die ohnehin schon zuvor sozial abgehängt worden waren, und für die die Behauptung, dass Leistung sich lohne schon lange wie purer Hohn klang, sondern vor allem jene, die geglaubt hatten, es auf die Gewinnerseite geschafft zu haben oder es noch zu schaffen. Denn sie sahen sich nun in ihren kläglichen Hoffnungen betrogen, und mit einem Mal empfanden sie es als tiefe Kränkung, dass sie als Arbeitskraftverkäufer für das Kapital eigentlich nur lästige Anhängsel sein sollten, die nicht einmal mehr für den Selbstzweck der Akkumulation von Nutzen sind. Doch diese Infragestellung ihrer Identität als Arbeits- und Leistungssubjekte verwandelten sie mehrheitlich nicht etwa in Kritik, sondern in ein antisemitisch konnotiertes Ressentiment gegen „die gierigen Spekulanten und Bankster“, denen sie das Phantasma der „ehrlichen Arbeit“ entgegenstellten. Dazu gesellte sich der projektive Hass gegen Einwanderer im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen, die als Inkarnation der kapitalistisch „Überflüssigen“ die panische Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg repräsentieren und daher umso rücksichtloser aus dem Blickfeld – und am besten gleich aus dem ganzen Land – entfernt werden sollen.

Es liegt durchaus in der Logik der Sache, dass dieser regressive Bezug auf eine längst überkommene Arbeitsidentität, sich mit einer nicht weniger regressiven Wiederbelebung nationalistischer Kollektividentitäten verbindet. Denn neben der Arbeit gilt den kapitalistisch durchformatierten Menschen auch die Nation als eine Art überhistorisch abgesicherter Seinsgrund, ungeachtet der Tatsache, dass es sich dabei um eine Erfindung des 19. Jahrhunderts handelt. Aber auch hier gilt, dass die Wirklichkeit immer schon durch den Filter des Fetischdenkens wahrgenommen wird. Deshalb bilden Arbeit und Nation ein Zwillingspaar scheinkonkreter Gewissheiten, auf die sich die Warensubjekte in Krisenzeiten stets identitär rückbeziehen, um sich gegenüber den Bedrohungen durch die kapitalistische Dynamik abzusichern. Letztere erscheint dagegen als fremde, abstrakte und äußerliche Macht, welche die scheinbar ewig gültige Lebensweise als national borniertes Arbeitstier bedroht. Nicht immer wächst sich diese Verblendung zu der altbekannten Wahnvorstellung aus, dass hinter alledem die „jüdische Weltverschwörung“ stehe, aber der Boden für diesen antisemitischen Topos ist bereitet. In jedem Fall aber folgt aus ihr, dass die auf Arbeit und Nation beruhende Identität gegenüber der Bedrohung durch „fremde Mächte““ und den von den „neoliberalen Eliten“ entfesselten „Globalismus“ verteidigt werden muss, ebenso wie gegen die herbeiphantasierte Aushöhlung durch die massenhafte Einwanderung von „kulturfremden Elementen“. Beide Phantasien ergänzen sich gegenseitig und es ist in diesem paranoiden Weltbild selbstverständlich auch kein Problem, sie zusammen zu bringen, etwa indem behauptet wird, die großen Flüchtlingsbewegungen nach Europa würden von „jüdischen Machtgruppen“ gesteuert, um die europäischen Nationen von innen heraus zu zerstören.

Der meisten Linken stehen diesen wirren Wahnvorstellungen vollkommen hilflos gegenüber, und zwar deshalb, weil sie zentrale Elemente dieses Weltbilds selbst teilen. Am offensichtlichsten ist das bei Linkspopulisten wie Wagenknecht, Corbin oder Mélenchon, die mit dem Programm antreten, einen auf Massenarbeit beruhenden, staatliche regulierten Kapitalismus wieder herzustellen, und zu diesem Zweck die Nationalstaaten wieder stark machen wollen. Abgesehen davon, dass es sich dabei um eine vollkommen phantastische Vorstellung handelt, muss man schon genau hinschauen, um hier noch die verschwommenen Grenzlinien zu erkennen, die diese Linke von der neuen und alten Rechten unterscheidet.[8] Aber auch jenseits solcher offen nationalistischen Positionen reduziert sich die Kapitalismuskritik vieler Linker immer noch viel zu häufig darauf, die Macht des Finanzkapitals, der Banken und der globalen Konzerne anzuklagen, die auf Kosten der großen Mehrheit der Bevölkerung lebe. Die extreme Polarisierung der globalen Reichtumsverteilung, die in den letzten Jahrzehnten geradezu obszöne Ausmaße angenommen hat, wird damit in einer Weise thematisiert, als stünde „das Volk“ (oder wie es oft heißt: „die 99 Prozent“) irgendwie außerhalb des Kapitalismus und werde bloß äußerlich von einer globalen aber mächtigen Minderheit (das 1 %) unterdrückt, beherrscht und ausgebeutet.

Damit wird freilich vollkommen verdrängt, dass die größte Schwierigkeit einer gesellschaftlichen Emanzipation gerade darin besteht, die kapitalistische Formatierung der Subjekte selbst zu durchbrechen und die warengesellschaftliche Lebensweise aufzuheben, auf die sie fixiert sind.[9] Die Kritik der Arbeit ist dafür nach wie vor zentral, denn sie richtet sich sowohl gegen die zentrale Fetischform der warenproduzierenden Gesellschaft, als auch gegen die darauf beruhenden Identitäten; nicht nur gegen die Arbeitsidentität als solche, sondern auch gegen die Identität des westlich-weißen „Arbeitsmannes“[10] und „Leistungsträgers“, der die Welt, um den Preis ihrer Zerstörung, nach seinem Gusto umformt, und gegen die stets mit der Phantasie der „ehrlichen Arbeit“ verbundenen nationalen Identitäten.  Arbeitskritik zielt auf nichts weniger, als auf die Herstellung einer Gesellschaft, in der die Menschen nach freien Stücken über ihre gesellschaftlichen Beziehungen verfügen, statt von diesen in der Gestalt von versachlichen Zwängen beherrscht zu werden. Auf eine Gesellschaft also, in der die Menschen nicht länger dem Zwang zur Arbeit unterliegen, nur um irgendwie am gesellschaftlichen Warenreichtum teilhaben zu können, sondern in der jeder und jede nach seinen und ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten tätig sein kann. Mit anderen Worten, sie zielt auf die Aneignung des gesellschaftlichen Zusammenhangs durch frei assoziierte Individuen in der Gestalt einer allgemeinen gesellschaftlichen Selbstorganisation. In diesem Sinne ist das Manifest gegen die Arbeit immer noch so aktuell wie vor zwanzig Jahren.

Norbert Trenkle (Gruppe Krisis) im Winter 2018/ 2019

[1] Vgl. ausführlicher zur Entwicklung der Wertkritik: Ernst Lohoff/ Norbert Trenkle: „Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation“. Ein Gespräch über die Entstehung und Entwicklung der Wertkritik, die fundamentale Krise des Kapitalismus und den fortschreitenden gesellschaftliche Irrationalismus, www.krisis.org 2008

[2] Ernst Lohoff: Auf Selbstzerstörung programmiert, Krisis 2/ 2013

[3] Ernst Lohoff, Zwei Bücher – zwei Standpunkte, krisis.org 2017

[4] Ernst Lohoff/ Norbert Trenkle: Die große Entwertung, Münster 2012, S.110 ff. sowie: Ernst Lohoff, Kapitalakkumulation ohne Wertakkumulation, Krisis 1/2014

[5] Ernst Lohoff, Die letzten Tage des Weltkapitals. Kapitalakkumulation und Politik im Zeitalter des fiktiven Kapitals, Krisis 5/2016

[6] Norbert Trenkle, Workout. Die Krise der Arbeit und die Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft

[7] Ernst Lohoff, Die letzten Tage des Weltkapitals. Kapitalakkumulation und Politik im Zeitalter des fiktiven Kapitals, Krisis 5/2016

[8] Norbert Trenkle: Vorwärts in die Regression, in: Merlin Wolf (Hg): Irrwege der Kapitalismuskritik, Aschaffenburg 2017

[9] Ernst Lohoff: Die Verzauberung der Welt, in: Krisis 29, Münster 2005

Karl-Heinz Lewed: Schopenhauer on the rocks, in: Krisis 29, Münster 2005

Ernst Lohoff: Ohne festen Punkt, in: Krisis 30, Münster 2006

Peter Samol, All the Lonely People. Narzissmus als adäquate Subjektform des Kapitalismus, Krisis 4/2016

[10] Norbert Trenkle: Aufstieg und Fall des Arbeitsmanns, in Exner, Andreas et.al. (Hg.): Grundeinkommen, Wien 2007

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Nach den durch die Hochwasser im Iran verursachten Überschwemmungen sind irakische paramilitärische Einheiten namens Haschad osch-scha°bi, die von den iranischen Pasdaran gegründet wurden und finanziert werden, in die iranische Provinz Chusestan geholt worden, angeblich, um ein Ausgreifen des Hochwassers auf den Irak zu verhindern.
Der Rat der Rentner des Irans drückte sein Befremden darüber aus, dass man Paramilitärs ins Land holt statt die Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes zu erbitten, um mit den Folgen des Hochwassers fertig zu werden. Der Rat der Rentner des Irans bezeichnete die Heranziehung dieser Hilfstruppen als Feldzug zur Unterdrückung der iranischen Bevölkerung (gemeint ist hier die arabische Minderheit in Chusestan), die nach den Hochwasserschäden gegen die ausbleibende staatliche Hilfe protestiert.
Der Rat der Rentner des Irans weist darauf hin, dass nach Artikel 146 der iranischen Verfassung die Stationierung jeglicher ausländischer Militärs, und sei es auch zu friedlichen Zwecken, verboten ist. Deshalb fordert er den umgehenden Abzug der paramilitärischen Einheiten des irakischen Haschad osch-Scha°bi und der afghanischen Fatemiyun von iranischem Boden.

http://www.akhbar-rooz.com/article.jsp?essayId=92710
vom 26. Farwardin 1398 (15. April 2019)
shouraye bazneshastegane keshwar: xahane xoruje fouriye niruhaye shebhe nezamiye xareji az keshwar hastim

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Die bewaffneten Organe haben in den letzten Tagen und Wochen, als der Iran vom Nordosten bis in den Südwesten von schweren Regenfällen und katastrophalen Hochwasserständen heimgesucht wurde, Präsenz gezeigt. Im Norden, in der Provinz Golestan, haben sie die von Unternehmen der Pasdaran erbaute Bahnlinie an drei Stellen gesprengt – weil sie an Brücken gespart hatten, und damit die unterhalb gelegenen Ortschaften unter Wasser gesetzt. In der Provinz Chusestan haben sie von der Bevölkerung erbaute Hochwasserdämme mit Gewalt gegen die Bevölkerung gesprengt, und jetzt sind sie zu Verhaftungen geschritten. Am Sonntag nahm der Geheimdienst von Ahwas mindestens 25 Hochwasserhelfer fest. Hierzu stürmten die sogenannten Sicherheitskräfte den Sitz des Volkskomitees, das spontan zur Hochwasserbekämpfung gegründet wurde, in Malaschije in Ahwas. Die Inhaftierten waren Angehörige der arabischen Minderheit. Der Aufenthaltsort der Verhafteten ist nicht bekannt. Am Vortag waren mindestens fünf Bürger von Ahwas aus Kuye Alawi verhaftet worden, weil sie gegen die fehlende staatliche Unterstützung für die Hochwassergeschädigten protestiert hatten.
Zusätzlich hielten die Revolutionswächter, Bassidschis und die Polizei in den letzten Tag in dieser Region bewaffnete Manöver ab, offensichtlich, um die Bevölkerung einzuschüchtern.

http://www.akhbar-rooz.com/article.jsp?essayId=92680
vom 25. Farwardin 1398 (14. April 2019)
25 emdadrasane ahwaz bazdasht shodand

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Wida Mowahed
Vor einem Jahr hatten im Iran an mehreren Orten Frauen gegen die Kopftuchpflicht protestiert, indem sie in der Revolutionsstraße in Teheran auf erhöhte Objekte stiegen und ihr Kopftuch wie eine Flagge hissten. Darauf kam es zu einer Reihe von Verhaftungen und Prozessen. Die erste Frau, die diese Bewegung ins Leben rief, war Wida Mowahed. Sie wurde Ende Februar 2019 von einem Richtergremium (Kammer 1091), das dem Ministerium für Religiöse Aufklärung (Wezarate Ershad) untergordnet ist, zu einem Jahr Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Ihr wurde „Aufwiegelung der Bevölkerung zu korruptem Verhalten und Prostitution mittels Enthüllung des Schleiers“ zur Last gelegt. Vor Gericht hatte Wida Mowahed die Form ihres Protests aufgrund der Konsequenzen für sie und ihr zweijähriges Kind als unpassend bezeichnet und sich verpflichtet, ihn nicht zu wiederholen. Ihre Anträge auf bedingte Freilassung oder auf Berücksichtigung bei der diesjährigen Amnestie wurde vom Gefängnis zurückgehalten, so dass der Vollstreckungsrichter sie nie erhalten hat.

https://youtu.be/QYpbpdPy5AM
vom 25. Farwardin 1398 (14. April 2019)
mahkumiyate doxtare xiyabane enqelab be yek sal habs

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Yasemin Aryani und ihre Mutter Monire Arabschahi

Zum 8. März dieses Jahres, dem internationalen Tag der Frau, hatten Yasemin Aryani und ihre Mutter Monire Arabschahi in der Metro von Teheran an die weiblichen Passagiere Blumen verteilt. Auf Videos, die im Internet kursieren, sieht man sie, wie sie mit um den Hals gelegtem Kopftuch und einem Korb Blumen verteilen.
Die 23-jährige Yasemin Aryani ist Schauspielerin am Theater und auch Aktivisten der Kampagne des „Weißen Mittwochs“. Im Rahmen dieser Kampagne erscheinen Frauen jeden Mittwoch in weißer Kleidung in der Öffentlichkeit, um so für die Frauenrechte zu demonstrieren.
Yasemin Aryani wurde am Montag vor einer Woche (8.4.2019) auf Veranlassung des Ministeriums für Religiöse Aufklärung (Wezarate Ershad) von ihrer Arbeit als Schauspielerin entlassen, zwei Tage später, am 10. April 2019, wurde sie zusammen mit ihrer Mutter in ihrer Wohnung verhaftet und abgeführt. Als Yasemins Vater gegen die Verhaftung protestierte, drohten die Beamten damit, seinen Hund zu erschießen.
Die Beamtinnen und Beamten nahmen sämtliche Bücher, Manuskripte und das Laptop von Yasemin Aryani mit.

https://youtu.be/QYpbpdPy5AM

https://news.gooya.com/2019/04/post-25173.php
vom 13. April 2019
joz‘iyate taze az dastgiriye zanani ke dar metro gol midadand

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Sonntag, 14. April 2019

1968 als multipolares Weltereignis

1868 war ein multipolares, mehrdimensionales Weltereignis. Nicht nur, dass die von 68 ausgehende Bewegung in ihrem Selbstverständnis internationalistisch war – weltweit brachen in den Fabriken und Universitäten ähnliche Konflikte auf, in der sogenannten 3. Welt formierten sich anti-koloniale Befreiungsbewegungen. Es verallgemeinerte sich die Jugend als eigenständiger Lebensabschnitt, der mit einem spezifischen Warenangebot versehen und mit diversen Konflikten verbunden ist. Es formieren sich überall Gruppen, die sich dissident zum damals vorherrschenden Modell kommunistischer Parteien verhielten und eine Revision des Marxismus vornahmen (später bezeichnet als „Neue Linke“). All dies ist verbunden mit einer wechselseitigen Bezugnahme und gegenseitigen Beeinflussung. (Siehe auch diesen Text.) Im zweiten Teil unser 68er-Reihe (Teil 1 hier) beleuchten wir die internationale Dimension von 1968.

1.) Die Situationisten und der Pariser Mai 1968

Die Situationistische Internationale gehört zu den oben genannten dissidenten Gruppierungen, die bereits ab Mitte der 50er Jahre zu wirken begannen und später zu wichtigen Stichwortgebern der 68er-Revolte geworden sind – wobei es den Situationisten selbst darum ging, der radikalste und theoretisch versierteste Ausdruck der revolutionären Bewegung zu sein. Im Gespräch rekonstruieren Kazimir und Negator (BBZN) die Rolle der Situationisten im Pariser Mai 68 und gehen dabei auf die historische Situation im Frankreich der 60er Jahre ein. (Siehe auch die Buchbesprechung zu „Paris Mai 68 – Die Phantasie an die Macht“. Siehe auch „Midnight Notes: Zwei Sendungen über 1968“.)

In der Nachkriegszeit bildeten sich überall neue, linksradikale Gruppen heraus, die nach Organisierungsmodellen jenseits der kommunistischen/sozialistischen Parteien und der traditionellen Gewerkschaften suchten. Zu ihnen gehörte auch die „Situationistische Internationale“ (1957 – 1972). Die Situationisten waren auch während der Maitage 1968 in Frankreich aktiv. Wir sprachen mit Negator und Kazimir über die Situationisten und den französischen Mai ’68. [via]

    Download: via FRN (mp3; 76 MB; 55:13 min)

2.) Italien: Ein Kampfzyklus 1960-1980

Eine weitere dissidente neo-marxistische Strömung ist später mit dem Stichwort „Operaismus“ bezeichnet worden und ist eng mit den Klassenkämpfen in Italien verbunden. Das besondere an der italienischen Situation besteht darin, dass hier radikale Studentenbewegung und militante Fabrikkämpfe eine Verbindung eingegangen sind und sich die Kämpfe über mehrere Jahre hinweg zogen – bis hin zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen in den 70er Jahren. Über diesen Kampfzyklus und den Operaismus war Christian Frings im Gespräch. (Über Italien siehe auch ein Gespräch mit Thomas Bremer.)

Die Ereignisse, die üblicherweise mit der Chiffre „1968″ bezeichnet werden, zogen sich in Italien über beinahe drei Jahrzehnte hin. Die Auseinandersetzungen waren in Italien besonders intensiv. Wir sprachen mit Christian Frings über die italienische Gesellschaft der Nachkriegszeit, die Ereignisse von 1960 und 1962, die Operaisten, den heißen Herbst 1969, die 77er-Bewegung und die Strategie der Spannung. Am Ende schlagen wir den Bogen zur Gegenwart.

Zunächst fragten wir nach der Nachkriegszeit in Italien. Italien hatte eine faschistische Vergangenheit, hier hatte es jedoch eine starke Resistenza-Bewegung gegeben. Inwiefern hat dies die Nachkriegszeit bestimmt? [via]

    Download: via FRN (mp3; 61 MB; 38:01 min)

3.) 1968 international – ein grenzenloser Aufbruch

Unter dem Titel „1968 international – ein grenzenloser Aufbruch“ hat die Zeitschrift iz3w im Januar/Februar 2018 eine Schwerpunktausgabe veröffentlicht. Die Ausgabe hat sich nicht nur mit 1968 im globalen Süden auseinandergesetzt, sondern auch mit der Geschichte der Zeitschrift selbst – denn 50 Jahre 1968 und 50 Jahre iz3w fielen zusammen (in diesem Zusammenhang hat iz3w auch einiges Audiomarterial veröffentlicht: hier). Im Gespräch mit dem iz3w-Redakteur Christian Stock gibt es einen kusorischen Überblick über 1968 im globalen Süden.

Im Rahmen unserer Sendereihe über 1968 wollen wir den Rahmen des nationalen Geschichtsbewusstseins verlassen und 1968 als ein globales Geschehen in den Blick nehmen. Dazu passend hat die Zeitschrift „iz3w“ im Januar/Februar ein Themenheft veröffentlicht. Wir sprachen mit dem Redakteur Christian Stock über diese Ausgabe und 1968 im globalen Süden. Zunächst baten wir ihn, das iz3w vorzustellen. [via]

    Download: via FRN (mp3; 21 MB; 13:17 min)

4.) 1968 in Afrika

In der im April/Mai 2018 folgenden Ausgabe von iz3w hat Bernhard Schmid einen Artikel mit dem Titel „1968: Révolution Afrique“ geschrieben. Im Gespräch mit Radio Dreyeckland skizziert er Ereignisse um das Jahr 1968 herum in Afrika.

Das magische Revoltenjahr gab es nicht nur in Europa und den USA auch in Mexiko und im frankophonen Afrika war es ein Jahr der Revolte und mehr als ein Anhängsel von Paris oder Westberlin. Der Frankreichskorrespondent von Radio Dreyeckland, Bernard Schmid vertritt sogar die These, dass es den Mai 68 in Paris ohne den Kontakt der französischen Linken jenseits der KP so garnicht gegeben hätte. Das Interview könnt Ihr hier nachhören oder den Artikel im neuen Heft der iz3w nachlesen. [via]

    Download: via RDL (mp3; 8.1 MB; 8;59 min)

5.) Das Massaker von Tlaltelolco

Im Gespräch mit Christian Stock (iz3w) wird die harte Repression des mexikanischen Staates gegen die Studentenbewegung von 1968 erwähnt. Zentral war dabei das Massaker von Tlaltelolco – ein Massenmord an 200 bis 300 friedlich demonstrierenden Studenten im Stadtteil Tlatelolco von Mexiko-Stadt. Über diesen Massenmord und seine (ungenügende) Aufarbeitung sprach Radio Dreyeckland mit dem Historiker Julián. (Siehe ein weiteres Gespräch mit Julián über Proteste und Gewalt vor dem 02.10.1968.)

Historiker Julián erzählt uns von einem menschenverachtenden Kapitel der mexikanischen Geschichte, als am 2. Oktober 1968 der Staat der Studierendenbewegung gewaltsam ein Ende setzte. Das „Bataillon Olympia“, war eigentlich für die Sicherheit der olympischen Spiele verantwortlich und verursachte heute vor 50 Jahren ein Blutbad.

Während des ganzen sogenannten „Schmutzigen Krieges“ in Mexiko verschwanden etwa 1.200 Personen; man spricht von Folter und politischen Gefangenen, sogar von einer Geheimpolizei. [via]

    Download: via RDL (mp3; 15 MB; 9:34 min)

6.) 1968 in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen

Auch im Ostblock war 1968 ein Jahr der Bewegungen und Proteste – und die Entstehung der „Neuen Linken“ im Westen ist auch von zentralen Verschiebungen im Ostblock beeinflusst (die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU, der Aufstand in Ungarn 1956, der Prager Frühling 1968). In der DDR lässt sich kaum von einer 68er-Bewegung sprechen – und doch war es auch hier ein Jahr der Proteste und Konflikte. Das ist die These von Bernd Gehrke (AK Geschichte Sozialer Bewegungen Ost West), der im Gespräch einen Überblick über Bewegungen und Ereignisse um 1968 herum in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen gibt. (Siehe auch Bernd Gehrke über das „proletarische 1968″ hier.)

Auch wenn in der DDR 1968 keine vergleichbare Revolte stattfand wie in der BRD, war es doch auch hier ein Jahr außerordentlicher Proteste. Dabei ging es sowohl um subkulturelle Bewegungen als auch um Auseinandersetzungen um Öffentlichkeit in den Betrieben.

In der Tschechoslowakei und in Polen fanden unterdessen Ereignisse statt, die für 1968 zentral waren: In der CSSR leuteten Gewerkschaften und kritische Intelligenz den Prager Frühling ein, der schließlich niedergeschlagen wurde. Auch in Polen gab es eine Studentenbewegung, die für eine Demokratisierung des Sozialismus eintrat – sie wurde niedergeschlagen und die Partei leitete eine antisemitische Kampagne ein.

Hinter all dem steht ein längerer Entwicklungsprozess, für den das Jahr 1956 zentral ist: Anfang dieses Jahres sprach Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU über die Verbrechen Stalins – am Ende des Jahres wurde die Räte-Bewegung in Ungarn niedergeschlagen. Die Räte sind immer wieder Bezugspunkt in den nachfolgenden Ereignissen.

Über diese Ereignisse sprach Radio Corax mit Bernd Gehrke. Wir fragten ihn zunächst nach der Quellenlage und danach, woran es liegt, dass „1968 in der DDR“ in der heutigen Öffentlichkeit kaum präsent ist. [via]

    Download: via FRN (mp3; 76 MB; 55:08 MB)

7.) 1968 in Japan

Auch in Japan gab es 1968 eine starke Studentenbewegung, die dort besonders radikal und militant auftrat. Die in Japan geführten Kämpfe, in deren Zusammenhang die Zengakuren zentral waren, wurden weltweit zu einem Vorbild und diese suchten ihrerseits Kontakte zu Gruppierungen der Neuen Linken in anderen Ländern. Die Entwicklung der Bewegung, ihre Militarisierung und Sektenbildung, hat für die Japanische Linke bis heute traumatisierende Folgen. William Andrews hat eine Forschungsarbeit unter dem Titel „Japanese Radicalism and Counterculture, from 1945 to Fukushima“ veröffentlicht. Ein erweiterter Auszug aus diesem Buch über die Japanische Rote Armee ist in deutscher Übersetzung bei Bahoe Books erschienen. Andrews sprach mit Corax über 1968 in Japan. Das Interview wurde in englischer Sprache geführt.

Die Stärke der japanischen Linken strahlte in den 1960er Jahren in die ganze Welt. Die Studierendengewerkschaft Zengakuren machte aus den japanischen Universitäten verbarrikadierte Stützpunkte und Ausbildungszentren des Klassenkrieges. Auf riesigen Demonstrationen kämpften tausende behelmte und mit Stöcken bewaffnete Studenten gegen die Polizei. Auf internationalen Konferenzen mit Gruppen wie den Students for a Democratic Society, dem Weather Underground, den Black Panthers oder dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, wurde versucht durch intensive Vernetzung eine weltweite simultane Revolution denkbar zu machen. Hierzulande ist über 1968 in Japan jedoch relativ wenig bekannt.

William Andrews lebt in Tokyo und forscht zur Geschichte der sozialen Bewegungen in Japan. Wir sprachen mit ihm per Skype und fragten ihn zunächst, wie sein Interesse an der japanischen Geschichte zustandekam und nach den Gründen, letztlich nach Japan zu ziehen. [via]

    Download: via FRN (mp3; 61 MB; 37:49 min)

8.) DRUM Beats Detroit – Schwarze Fabrikrevolten 1968

1968 war Detroit ein Zentrum der Fabrikrevolten, die eng mit antirassistischen Kämpfen verbunden waren. Die Heftigkeit und Militanz der Bewegung in Detroit ist historisch verbunden mit der Rolle der Stadt im 2. Weltkrieg, den ökonomischen Verschiebungen nach 1945 und der rassistischen Segregation. Auch in Detroit enstanden Gruppierungen der Neuen Linken, die marxistische Analyse und eine Thematisierung der spezifischen Situation schwarzer FabrikarbeiterInnen miteinander verbanden. Christian Frings, Felix Klopotek, Malte Meyer und Peter Scheiffele haben einen Text darüber geschrieben. Auf Basis dieses Textes und eines Interviews mit Felix Klopotek ist im Rahmen der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge ein einstündiges Feature entstanden. (Siehe auch ein Interview in der Jungle World.)

    Download: via archive.org (mp3; 137.3 MB; 1 h)

Im nächsten Teil der Beitragsserie widmen wir uns den Theoretikern der „Neuen Linken“.

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Freitag, 12. April 2019

BREXIT OHNE ENDE

Man erhält den Eindruck, daß die EU-Politiker Deutschlands und Österreichs, und auch die Medien dieser Länder, sich so richtig weiden an den Debatten im britischen Parlament und an den Schwierigkeiten, die den Austritt – oder Nicht-Austritt? – Großbritanniens begleiten.

Die Szenarien, die in der deutschsprachigen Presse ausgemalt werden, sind düster: Womöglich brauchen die Briten ein Visum, sobald sie europäischen Boden betreten, und überall bricht der Warenverkehr zusammen. Die City geht unter, außer sie übersiedelt rechtzeitig nach Frankfurt.

Man merkt all diesen Bildern das Wunschdenken an, doch endlich einen imperialistischen Konkurrenten auszuschalten und ihn ohne Krieg besiegen zu können.
Mit der Wirklichkeit hat das allerdings wenig zu tun.

Es ist gut, sich an die Zeit vor der EU, also vor 1992 zurückzuerinnern: Da gab es keinen Euro, das Umwechseln von Geld – wie es nach GB bis heute nötig ist – war gang und gäbe. Überall gab es Wechselstuben.
Die Briten brauchten wie alle Bürger Westeuropas kein Visum, um irgendwo hin zu reisen. Die einzigen Staaten, die bis 1990 Visa verlangten, waren einige sozialistische Staaten, keineswegs alle.
Überall an den Grenzen gab es Grenzkontrollen und Zollstationen. Rund um die Flüchtlingskrise wurden von einigen Staaten Forderungen erhoben, die Grenzstationen zu rehabilitieren und wieder Grenzkontrollen durchzuführen. Das hätte aber den freien Warenverkehr behindert und wurde deswegen verhindert – vor allem von Deutschland, das am meisten von dieser Zollfreiheit des Schengenraums profitiert.

1. Der Freihandel

Freihandel ist Forderung und Vorteil der Staaten mit erfolgreicher Kapitalakkumulation. Sie können mit ihren Waren fremde Märkte erobern und deren Kapitale an die Wand drücken, weil sie sie im Preis unter- und in der Qualität überbieten können. Freihandelszonen einzurichten, ist daher ein Dienst der Regierungen der potenteren Staaten an ihrem Kapital, den dieses Kapital gerne ausnützt, um seine Marktanteile im Ausland zu Lasten der Konkurrenten zu erhöhen.
Man kann sich dabei natürlich auch verkalkulieren. Viele Politiker von EU-Staaten waren für den Abbau aller Schranken des Warenverkehrs, weil sie dachten, daß ihr einheimisches Kapital diesen Wettbewerb bestehen könnte. Später, als sich diese Annahme als Irrtum herausstellte, hatten sie nicht mehr die Mittel, den Konkurrenznachteil wieder wettzumachen. Selbst wenn sie auf Protektionismus gesetzt hätten, hätten sie gar kein Kapital mehr gehabt, das unter dem Schutz der Zollschranken zumindest den inneren Markt bedienen hätte können. Verschiedene Unternehmen der Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie Griechenlands oder Spaniens oder anderer Staaten waren bereits der Konkurrenz mit potenteren Marktbeherrschern zum Opfer gefallen.

Es wäre aber auch gar nicht möglich gewesen, weil schon allein mit dem Euro ein Sachzwang geschaffen worden war, der Abschottung nach außen verunmöglicht.

2. Pfund und Euro

Die Briten wollten den Euro nie, weil sie nicht bereit waren, die mit der nationalen Geldschöpfung verbundene Souveränität aufzugeben. Sie wollten im Gegenteil das Pfund als Partner, aber auch Konkurrenten des Euro stark machen. Und als die Eurokrise losging, so wollten sie nicht für die Stützung dieser Währung geradestehen. Das ist der ökonomische Hintergrund des Brexit. Die britischen Eliten waren und sind gespalten in der Frage, wie sie der Eurokrise entkommen könnten. Und welcher Art ihr Austritt sein könnte/sollte und wie er nicht aussehen sollte.

Die britische Wirtschaft und das Pfund beruhen nämlich zu einem beachtlichen Teil auf der EU und auf dem mit der EU betriebenen Freihandel. Erstens als Finanzzentrum und Warenbörse. Viele der Rohstoffe, die ihren Preis an der Londoner Börse erhalten, werden nämlich in der Kontinental-EU nachgefragt. Die City ist somit das Tor, durch das diese Materialien in die EU gelangen. Selbst wenn sie irgendeinen Hafen auf dem Kontinent anlaufen – ihr Preis wurde in London festgelegt, und oftmals auch der Vertrag dort abgeschlossen. Die City bedarf also der EU als Absatzmarkt. Darauf beruht ein großer Teil ihrer Bedeutung.

Auf der anderen Seite hat Großbritannien seit Thatchers Zeiten zwar einiges an produktiver Basis eingebüßt, geblieben ist jedoch seine Bedeutung als Handelsplatz. Viele Fertigprodukte der EU-Unternehmen wandern über Großbritannien in alle Ecken des Commonwealth. Hier kommt der Freihandel in die andere Richtung ins Spiel: GB importiert zollfrei und günstig und seine Unternehmen können einiges aufschlagen, wenn das Zeug über bilaterale Zollfrei-Verträge in die Zentren und Ränder des einstigen Empire verscheppert wird.

GB hat also bei einem EU-Austritt wirtschaftlich einiges zu verlieren bzw. müßte sich durch diesen Schritt sozusagen neu erfinden.

3. Die Souveränität und ihre Außenposten

Ansonsten wird es teilweise von den Schatten seiner kolonialen Vergangenheit eingeholt: Der Status von Gibraltar und von Nordirland wird fraglich: Teil der EU oder Teil Großbritanniens? Es ist nicht ausgeschlossen, daß der nordirische Bürgerkrieg wieder losgeht und eine Art Besatzungsregime nötig wird, um das Territorium beim Vereinigten Königreich zu halten.

Gibraltar ist zwar ein leichterer Fall, weil es dort von innen kein Interesse gibt, den Status als Offshore-Paradies zu verlieren. Hier ist es aber vor allem Spanien, das den Felsen gerne heim ins Reich holen möchte und durch Blockaden zu Land und Wasser den Bewohnern und der britischen Regierung das Leben schwer machen kann.

Schließlich hat Schottland angekündigt, bei der EU bleiben zu wollen und damit separatistische Begehrlichkeiten in Aussicht gestellt, falls GB die EU verläßt.
GB hat zwar ein sehr hochgerüstetes Militär, das aber nicht für den Einsatz gegen die eigene Bevölkerung vorgesehen ist. Verlust vieler bisheriger Einkommensquellen und dazu eine Art Militärregierung in verschiedenen Landesteilen – das erinnert an die Regimes von Salazar und Franco, die auch ein Eingeständnis von wirtschaftlicher Schwäche waren, sodaß der Staat bzw. das Kolonialreich nur mit Gewalt und Krieg zusammengehalten werden konnte.

4. Klamauk aus dem Parlament

Diesen ganzen – von den britischen Politikern gewußten – Widersprüche bringen das seltsame Schauspiel hervor, das die britische Regierung und ihr Parlament seit der Brexit-Abstimmung bieten und das mehr an Monty Pythons Flying Circus erinnert als ein Musterland der demokratischen Entscheidungsfindung:
Erst tritt der Regierungschef zurück, der die Abstimmung angesetzt hat und gesteht damit ein, daß er sich verkalkuliert hat.
Die Politiker, die den Austritt befürwortet haben, treten zurück, weil sie von ihrem eigenen Erfolg überwältigt sind.
Dann kommt eine Dame, die verkündet, den Brexit durchführen zu wollen und kassiert eine Niederlage nach der anderen:
Wollt ihr mit einem Freihandelsabkommen austreten?
Nein!
Wollt ihr ohne ein Freihandelsabkommen austreten?
Nein!
Wollt ihr in der EU bleiben?
Nein!

Bleibt noch die Möglichkeit, noch einmal abstimmen zu lassen und zu hoffen, daß es für die EU ausgeht.
Erstens hätte das aber eine schiefe Optik, solange abstimmen zu lassen, bis man das erwünschte Ergebnis hat.
Zweitens könnte es aber noch einmal mit Nein! ausgehen, und was dann?

Mittwoch, 10. April 2019

Wie die Gewerkschaften in die Offensive kommen können. Und wie sie sich dafür verändern müssen.

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 13. Mai 2019, 18.00 Uhr, Stuttgart
Gewerkschaftshaus, Raum 3+4
Willi-Bleicher-Str. 20, 70174 Stuttgart

Eine Veranstaltung von ver.di Bezirk Stuttgart

Eintritt frei. Anmeldung nicht erforderlich.

Stichworte wie „Industrie 4.0“ und „Digitalisierung der Arbeit“ stehen für eine Dynamik der Produktivkraftentwicklung, die unsere Gesellschaft in den kommenden beiden Jahrzehnten enorm verändern wird. Wir werden mit weniger Arbeit denn je immer größere Mengen stofflichen Reichtums schaffen können. Macht das noch mehr Menschen systemlogisch „überflüssig“, so drohen riesige soziale Verwerfungen.
Doch es bieten sich auch ungeahnte Chancen. Die bisherige gewerkschaftliche Debatte wird allerdings weder der Dimension des Problems noch den neuen Möglichkeiten gerecht. Es gibt keinerlei Konzeption für den zu erwartenden Rückgang an Arbeit und Arbeitsplätzen. Lieber macht man sich vor, dass es „so schlimm schon nicht kommen wird“ und „wir in Deutschland“ schon noch genügend Arbeitsplätze behalten werden. Doch die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass die Tage des Exportweltmeisters schon bald gezählt sein könnten. Die Welt, wie wir sie kennen, verändert sich rasend schnell, alte Antworten und Rezepte taugen nichts mehr. Das Modell „Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit“ gerät weltweit in die Krise und diese Entwicklung macht auch um Europa keinen Bogen.
Neue Wege sind angesagt. Massive Arbeitszeitverkürzungen könnten den Zugang zu einer neuen Antwort auf eine alte Frage ermöglichen: Was heißt Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum? Millionen Gewerkschaftsmitglieder wissen, wie man umweltverträglich produziert, menschenfreundlich pflegt und vernünftig
verwaltet. Sie sind ExpertInnen für den stofflichen Reichtum der Gesellschaft und Fachleute für den sozial-ökologischen Umbau. Ein Riesenpotential, das
die Gewerkschaften nutzen und in die Waagschale der gesellschaftlichen Auseinandersetzung werfen sollten.

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Anmerkungen zur Islamdebatte und der Aktualität von Religionskritik in Zeiten der Krise

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Dienstag, 7. Mai 2019, 19.00 Uhr, Aurich
KVHS, Haus A, Oldersumer Straße 65-73, 26605 Aurich

Eine Veranstaltung der Kreisvolkshochschule Aurich

Der Glaube an das Walten höherer Mächte will auch nach drei Jahrhunderten Aufklärung nicht vergehen. In Krisenzeiten, wo Unsicherheit und Zukunftsängste um sich greifen, hat er erst recht Konjunktur. Religion und Religiosität erlangen ungeahntes gesellschaftliches Gewicht. Das gilt nicht nur, aber vor allem für den Islam und die Kontroverse um ihn.

Wie der weltweit anschwellende Autoritarismus und das wachsende Gewicht von Religionen miteinander korrespondieren. Warum Menschen vor Diskriminierung zu schützen sind, aber die Kritik einer Religion keine Diskriminierung von Menschen ist. Wie Gläubige ihre Heiligen Schriften nach Gusto auslegen, aber warum das kein Sprechverbot über den Islam rechtfertigt. Warum viele Linke und Liberale über „Köln“ nicht reden konnten und wie das mit ihrer entsorgten Religionskritik zusammenhängt. Wie eng verwandt der präfaschistische Rechtspopulismus mit dem Islamismus ist. Und warum in Zeiten einer weltweiten reaktionären „Rolle Rückwärts“ die Religionskritik – und zwar nicht nur diejenige am Islam – unverzichtbar für den Kampf um menschliche Emanzipation ist.

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"People demand freedom of speech as a compensation for the freedom of thought which they seldom use." (Sören Kierkegaard)

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