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Donnerstag, 02. September 2010

Bei der letzten Maybritt-Illner-Diskussion war ja auffallend, dass das Idol partiell antideutscher Argumention Broder sich als paternalistischer, patriarchaler Verteidiger einwanderungsfeindlicher antimuslimischer Positionen gerierte, der im Tonfall des gönnerhaft über den Kopf Tatschens gegenüber Naika Foroutan, die für sich in Anspruch genommen hatte, als Deutsche nichtdeutscher Herkunft ernstgenommen zu werden - und die im Übrigen mal wieder diese sarazynische, danke,...

brüder, zur sonne zur freiheit auch deswegen wird der blog jetzt verlinkt.

und mit der sonne auf der innenseite des gesichts, dem motoröl noch an den ellenbogen und dem geruch von thymian und paprika in der nase sei nur soviel gesagt: es war zu schön, und ich bin noch zu verballert, um meine urlaubsimpressionen auch in noch so verschlüsselter form in das säurebad der commentspalten zu werfen.

Rhizom hat vor kurzem auf ein neues Buch von Olivier Roy verwiesen, in dem über den Wandel der Religionen zum Religionismus (Ernst Lohoff) verwiesen. Darin finden sich einige sehr lesenswerte Passagen, die seine bisherigen Thesen über die Modernität „islamischer Geschlechterverhältnisse“ durchaus erhärten: Im November 2007 berichtete die marokkanische Presse über ein Video im Internet, das angeblich [...]

In Frankreich wurde eine jüdische Lehrerin suspendiert, weil sie den Holocaust zu ausgiebig behandelte. Die Behörde wirft ihr „Gehirnwäsche“ vor.

Eine jüdische Geschichtslehrerin ist in Frankreich vom Dienst suspendiert worden, weil sie im Unterricht zu viel Zeit auf den Holocaust verwendet hat. Die Schulaufsichtsbehörde werfe der 58-jährigen Lehrerin aus der ostfranzösischen Stadt Nancy vor, sie habe ihre Schüler einer regelrechten „Gehirnwäsche“ unterzogen und gegen den in Frankreich geltenden Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche verstoßen, sagte ihre Anwältin Christine Tadic. Möglicherweise sei der eigentliche Fehler ihrer Mandantin aber, „Jüdin zu sein“.

Welt online

weiter…

Sarrazin ist zur Zeit auf allen Kanälen. Er wird beschimpft und hofiert. Seine Theorien und Ideen werden insbesondere in Talkshows allerdings nicht selten verharmlosend rezipiert. Völlig zu kurz kommt oft, daß Sarrazin bewußt völkische Ressentiments, xenophobe Überfremdungsängste und rassistische Superioritätsvorstellungen bedient. Das aktuelle Buch zur Migration wird vor allem inhaltlich statistisch bearbeitet. Die ideologisch völkische, [...]

9-11 at Nine: The Conspiracy Industry and the Lure of Fascism By Bill Weinberg, World War 4 Report New York City’s WBAI Radio—flagship of the progressive, non-profit Pacifica Network, where I am a producer—unfortunately provides a case study in the increasing embrace of right-wing conspiracy theory by the remnants of the American (and global) left. The most [...]

Moishe Postone’s essay “Anti-Semitism and National Socialism” is now available as a pamphlet. Hi, here are the relevant links: http://www.principiadialectica.co.uk/blog/?p=1099 http://www.radicalbooks.co.uk/product/anti-semitism-and-national-socialism

Ein weiterer eher theoriegeschichtlicher Vortrag zur Wert-Abspaltungskritik. Ebenfalls gehalten im August 2010 , diesmal von »EXIT!«-Redakteur Frank Rentschler. Er steckt den Hintergrund ab, auf dem die Abspaltungstheorie von Roswitha Scholz entstanden ist. (Das Überblicksblatt mit Literaturhinweisen wird eventuell noch nachgereicht.)

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V.

Download via MF: Vortrag (55 min, 22 MB), Diskussion (25 min, 10 MB)

Ankündigungstext:

Der Vortrag bewegt sich entlang der Problemstellung, wie sie schon in Roswitha Scholz „Urtext“ der Wertabspaltungskritik (Der Wert ist der Mann, 1992) formuliert wurde. Dort wurde eine doppelte Abgrenzung vorgenommen. Zum einen zur feministischen Arbeitsontologie, wie sie sich insbesondere in der Hausarbeitsdebatte zeigt, der ein offenkundiges verkürztes und unkritisches Verständnis von „Wert“ zugrunde liegt. Zum anderen von der klassischen Wertkritik, die von der Geschlechtsneutralität des modernen Subjekts ausgeht, diesbezügliche feministische Einwände insbesondere aus dem Strang der Vernunftkritik konsequent ignoriert und das patriarchalische an der Wertvergesellschaftung dadurch auszublenden versucht, indem mit einem Patriarchatsbegriff operiert wird, über den die feministische Diskussion schon längst hinweg ist. Beide Probleme sollen anhand klassischer Texte illustriert und vertieft werden. Nachdem die Unfruchtbarkeit der feministischen Hausarbeitsdebatte (Wie lässt sich der Wert von Hausarbeit bestimmen) aufgezeigt, die Unzulänglichkeit der klassischen Wertkritik heraus gearbeitet worden ist, und die Verortung der Geschlechterfrage auf der engeren Wertebene durch eine Neuinterpretation des Gebrauchswerts (vorgenommen in dem Aufsatz „Geschlechterfetischismus“ von Robert Kurz 1992) dargelegt wurde, steige ich ein in feministische Vernunftkritik. Gezeigt werden soll, wie sich die symbolische Ordnung des Geschlechts in der Moderne darstellt, wie sie sich reproduziert und auch wandelt und was in diesem Zusammenhang das „gesellschaftlich Unbewusste“ heißt. Abschließend soll auf einen Text in der feministischen Debatte (Hildegard Heise: Flucht vor der Widersprüchlichkeit. Kapitalistische Produktionsweise und Geschlechterbeziehung. Frankfurt 1986) eingegangen werden, der – was die engere Wertbestimmung angeht – näher an der Wertabspaltungskritik dran ist als andere feministische Texte, jedoch durch Ausblendung des vorher skizzierten vernunftkritischen Strangs trotzdem ziemlich in die Irre führt. Insofern ist der Vortrag auch als Plädoyer zu verstehen, den patriarchalen Charakter der Wertvergesellschaftung auf mehreren Ebenen (engere Wertebene, symbolische Ordnung, gesellschaftlich Unbewusstes) zu verorten, wie es Roswitha Scholz in ihrem Buch „Das Geschlecht des Kapitalismus“ getan hat.

Mittwoch, 01. September 2010

Davon kann mich auch die, meinem Empfinden nach, recht einseitige Berichterstattung im Deutschlandfunk heute früh nicht abbringen: Der vom sog. „militärischen Arm“ der Hamas verantwortete Mord an vier Siedlern unweit Hebron ist – aus politischer, strategischer, nicht zuletzt aber, moralischer … Weiterlesen

Streckenweise liest sich das fast ein wenig wie eine Mischung aus Ökotopia und Hazel Henderson, dieses Modell der redundanten dezentralen Strukturen, aber es ist eine Bundeswehrstudie zum Thema After Peak Oil. Gefunden bei Monoma. http://peak-oil.com/peak-oil-studie-bundeswehr.php

Na, das war ja zu erwarten: http://www.news.de/politik/855071496/ist-sarrazin-der-deutsche-joerg-haider/1/

Dienstag, 31. August 2010


Rechtsanwältin Nasrin Setude
Am Samstag, den 28. August 2010, haben 10 Beamten des iranischen Geheimdienstes eine Razzia bei der Rechtsanwältin Nasrin Setude durchgeführt und dabei nicht nur sämtliche Akten der Anwältin beschlagnahmt, sondern auch ihre persönlichen Sachen und die ihres Mannes und ihrer kleinen Kinder durchgewühlt und mitgenommen.
Nasrin Setude verteidigt unter anderem die Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi, gegen die die iranischen Behörden ein Verfahren eingeleitet und eine Vorladung vor Gericht ausgestellt haben. Unter ihren Mandanten sind zahlreiche politische Gefangene, die nach den politischen Protesten gegen die Wahlfälschung vom Juni 2009 inhaftiert wurden.
Die Anwältin Nasrin Setude hat darüber hinaus eine Vorladung des Gerichts erhalten, das im Ewin-Gefängnis amtiert. Ihr wird „Verschwörung gegen die Sicherheit des Landes“ und „Propaganda gegen das System der Islamischen Republik“ vorgeworfen.

Zum historischen Bedingungszusammenhang der Wert- und Abspaltungskritik

Der im August 2010 gehaltene Vortrag thematisiert die Entstehung und den Anspruch der Wert-Abspaltungskritik. Robert Kurz (Redakteur bei »EXIT!«) geht es dabei nicht nur um theoriegeschichtliche Abläufe, sondern auch um die historische Selbstverortung von Theoriebildung (im allgemeinen) und um Kriterien für deren Kritik, u.a. erläutert an den Differenzen zur »neuen Marxlektüre«.

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V.

Download via MF: Vortrag (1:37 h, 39 MB), Diskussion (1:11 h, 29 MB)

Ankündigungstext:

Eine neue kritische Theorie wie die Wert-Abspaltungskritik entsteht immer aus der Auflösung von Widersprüchen der älteren kritischen Theorien im Zusammenhang mit der realen gesellschaftlich-historischen Entwicklung. Es handelt sich also nicht um geniale Einsichten des freischwebenden reinen Intellekts. Andererseits muss gerade deswegen jede neue kritische Theorie einen Anspruch auf historische (d.h. bedingte, begrenzte) Wahrheit erheben. Nicht weil ihre Träger und Protagonisten klüger sind als die früheren, sondern weil sie sich auf veränderte Bedingungen bezieht, in der sich der Kapitalismus zur fortgeschrittenen Kenntlichkeit entwickelt hat. Deshalb kann die neue kritische Theorie nicht einfach eine andere Interpretation des als unverändert unterstellten Kapitalismus liefern, sondern sie muss gleichzeitig das Terrain der veränderten Verhältnisse analysieren, ihren eigenen Ort im historischen Prozess reflektieren und sich selbst erklären können. Dieser Problem- und Bedingungszusammenhang soll in fünf Aspekten erläutert und dargestellt werden.

Erstens ist zunächst festzuhalten, dass das genannte Problem nur in der Subjekt-Objekt-Dialektik der dynamisierten modernen Fetischverhältnisse besteht. Dabei haben sich in der Konstitution des Kapitalismus die eigenen Handlungen, Hervorbringungen und Verhältnisse den Akteuren gegenüber blind objektiviert und verselbständigt. Erst daraus entsteht die Aufgabe der Kritik, diesen Zusammenhang zu erklären und zu überwinden, und erst daraus ergibt sich der Anspruch einer „objektiven Wahrheit“ in Bezug auf die so verfasste Gesellschaft. Mit der Überwindung der negativen Objektivität wird auch diese Art der Theoriebildung gegenstandslos, aber erst dann. Diese negative Objektivität ist aber keine statische, sondern eine dynamische. Deshalb dürfen die kapitalistischen Grundkategorien auch nicht als statische gedankliche Abstraktionen festgehalten werden, zu denen die empirische Geschichte nur in einem äußerlich-akzidentiellen Verhältnis steht (Kapitalismus als ewige Wiederkehr des Gleichen). Vielmehr sind diese Kategorien als reale auch real historisch-dynamische, die in ihrem inneren Entwicklungsprozess einer fortschreitenden kritischen Darstellung und Analyse bedürfen.

Diese Bestimmung soll zweitens in Grundzügen erläutert werden an der Differenz zwischen der Wert-Abspaltungstheorie und der sogenannten „neuen Marxlektüre“. Dabei geht es im Wesentlichen um den Unterschied zwischen einer historischen und einer philologischen Auffassung der Marxschen Theorie. Dieses epistemische Grundproblem lässt sich an der Theoriebildung einer „Rekonstruktion der Kritik der politischen Ökonomie“ in der neuen Linken seit den 1960er Jahren aufweisen. In der Folge hat dies zu einem völlig gegensätzlichen Verständnis des „doppelten Marx“ bei der Wert-Abspaltungskritik und bei der „neuen Marxlektüre“ (insbesondere Michael Heinrich) geführt.

Drittens geht es um die Geschichte der Wert-Abspaltungstheorie selbst in den letzten 25 Jahren. Diese neue kritische Theorie konnte sich zunächst gewissermaßen selbst nicht „wissen“. Es handelte sich, ausgehend vom Zustand der Linken in den 1980er Jahren und den damaligen gesellschaftlichen Bedingungen, um ein mühsames Herausarbeiten aus dem traditionellen Marxismus, das in seinen wichtigsten Stationen nachgezeichnet werden soll (Eigenständigkeit der Theorie gegenüber dem Praxisimperativ, Kritik des Positivismus, Kritik der Sowjetökonomie, Kritik der Wertform und der Arbeitsontologie, schließlich als entscheidende – meist nicht als solche wahrgenommene – Weiterentwicklung die Kritik des geschlechtlichen Abspaltungsverhältnisses und der androzentrisch-universalistischen Aufklärungsvernunft). Erst ab einem bestimmten Grad der Theoriebildung schälte sich diese als eigenständiges und umfassendes neues Paradigma einer „kategorialen Kritik“ heraus, das eine historische Einordnung der Theorie- und Bewegungsgeschichte vornehmen konnte; auch wenn dieser Zusammenhang bis jetzt noch nicht vollständig ausformuliert ist.

Viertens soll diese begrifflich-analytische Einordnung in Grundzügen vorgestellt werden. Dabei geht es zum einen um die gesellschaftliche Bestimmung des „Arbeiterbewegungsmarxismus“ in der historischen Bedingtheit seiner Auffassungen von Kapitalismus und Sozialismus/Kommunismus unter Einschluss des „doppelten Marx“. Diese Epoche fand ihr Ende mit der Niederlage gegen den NS und setzte sich in Ausläufern bis nach dem 2. Weltkrieg fort. Zum andern geht es um die gesellschaftliche Bestimmung des „Postmodernismus“ bzw. der postmodernen Linken (Poststrukturalismus, Postoperaismus) ebenfalls in der historischen Bedingtheit ihrer Auffassungen von Gesellschaftskritik. Dazu gehört die neoliberale Epoche einer Virtualisierung des Kapitals (Finanzblasen-Ökonomie) mit entsprechenden ideologischen Mustern ebenso wie der Übergang des „Linksseins“ in eine soziale Mittelschichtsorientierung. Die Wert-Abspaltungstheorie als „kategoriale Kritik“ setzt sich von Arbeiterbewegungsmarxismus und Postmodernismus nicht nur im Verständnis des Kapitalismus und seiner Krisendynamik auf der Höhe der erreichten Entwicklung ab, sondern sie erhebt auch den Anspruch, das Feld der theoretischen Auseinandersetzung in seiner historisch-gesellschaftlichen Verfasstheit mitzureflektieren und auf den Begriff zu bringen.

Fünftens schließlich ergibt sich daraus ein Problem für die Rezeption der Wert-Abspaltungstheorie, die ebenfalls von den gesellschaftlichen Bedingungen geprägt ist. Das neue Paradigma ist zwar in gewisser Weise in die linken Szenen und Bewegungszusammenhänge eingesickert, aber nur bruchstückhaft in der Isolierung einzelner Momente (etwa der Arbeitskritik) und „praxeologisch“ herunter gebrochen. In dieser Rezeptionsweise wird die „kategoriale Kritik“ nicht als umfassende neue Theorie mit historischem Wahrheitsanspruch wahrgenommen, sondern eklektisch mit traditionsmarxistischen und postmodernen Theoremen amalgamiert. Aus dem Eklektizismus ergibt sich aber keine übergeordnete Synthese, sondern nur eine Verwässerung und Aufweichung des ganzen Ansatzes bis zur Unkenntlichkeit. Wahrheitsmomente der älteren, immer noch den Mainstream der Linken dominierenden Theorien werden nicht kritisch integriert, sondern die Wert-Abspaltungstheorie bzw. „kategoriale Kritik“ selber wird eher desintegriert. Das hat etwas mit einem postmodern sozialisierten Bewusstsein zu tun, das sich auf einem „Markt der Meinungen“ oder an einer theoretischen Supermarkt-Theke wähnt, aus der es sich ein individuelles „Menü“ zusammenstellen kann. Jedes Kriterium für die objektive, historisch bedingte Wahrheit fehlt und damit auch jede Bestimmtheit in der Auseinandersetzung. Die Wert-Abspaltungstheorie ist nicht sakrosankt und immun gegen Kritik, aber wer sich damit eigenständig befassen will, muss sich auch auf die darin enthaltene Reflexion der historischen Entwicklung und Bedingtheit einlassen, weil nur so die Auseinandersetzung nicht in einem ahistorischen Raum schwebt, in dem alle Katzen der Theorie grau sind.

Ich kann mir nicht helfen, aber solange unseren Vorzeigeintellektuellen immer wieder solche Preziosen durchschlüpfen, wie die, dass – ich übersetze es ins Materialistische: anhaltender Sozialdemokratismus zu faschistischer Regression führt, dass man also (frei nach Max Horkheimer und streng nach Willy Huhn) vom Faschismus schweigen soll, wenn man von der Sozialdemokratie nicht sprechen will, solange man solche Passagen liest, die vom Autor gewiss nicht so gemeint waren, die man aber bei noch halbwegs klarem Verstand gar nicht anders verstehen kann, solange bin ich mir sicher – es gibt sie doch noch, die List der Vernunft.

Dabei ist Sarrazins Weg nicht untypisch für Männer, die eine ganze Karriere mit der SPD verbracht haben. Mit den Jahren gerät ihnen die Beschäftigung mit den Kernthemen der Partei, mit Arbeitslosigkeit, Unbildung und Armut, zu einer Obsession, bis sie das Problem mit seinen Patienten verwechseln. Dann findet man höhere Beamte der Arbeitsagentur, die über die Arbeitslosen schimpfen; Lehrer, die ihre Schüler hassen und Sozialpolitiker, die über ihre Klienten ätzen. Es klingt, als sei es auch Sarrazin so ergangen: Wenn die Armen und Dummen keine Kinder mehr bekommen, so wird er sich eines Tages gedacht haben, dann verringert sich auch die Armut und Dummheit in der Welt. Und umgekehrt: Wenn sie sich vermehren, gibt es bald kein gepflegtes protestantisches Pfarrhaus mehr.

(Quelle)

Die Neue Zürcher Zeitung in der Schweiz kommentiert: «Der Fall Sarrazin zeigt auf eklatante Weise die längst bekannte Schwäche des Verfahrens der Nominierung für den Bundesbankvorstand auf. Wenn die Zusammensetzung der Parteien in der amtierenden Regierung sowie die Machtverhältnisse der Bundesländer im Bundesrat entscheidend sind für Personalentscheidungen an der Notenbankspitze anstatt die fachliche und menschliche Eignung der Kandidaten, kommt nichts Gutes...

Eine von Fox News im Januar 2010 vorgestellte Forschungsstudie des US-Militärs thematisiert zum ersten Mal das notorisch homophobe Verhalten amerikanischer Soldaten gegenüber afghanischen Männern. Im Zentrum steht jedoch, wie zu erwarten, nicht die kritischen Reflexion eigener gesellschaft­licher Normen, sondern die Aufforderung an die Soldaten, “eine wichtige soziale Kraft, die der paschtunischen Kultur zugrundeliegt”, richtig zu verstehen und entsprechend exotistisch einzuordnen.

The study, obtained by Fox News, found that Pashtun men commonly have sex with other men, admire other men physically, have sexual relationships with boys and shun women both socially and sexually — yet they completely reject the label of “homo­sexual.”

Nicht dass die US-amerikanischen Soldaten “homo” und “gay” als Beleidi­gungen einführen, um die männliche afghanische Bevölkerung nach den Kategorien von “normal” und “anormal” durchzusortieren, sondern dass sich paschtunische Männer allen Ernstes weigern, sich mit diesen Beleidigungen positiv zu identifizieren, stellt für die Studie (oder zumindest Fox News) das eigentlich Bemerkenswerte dar. So wird der Schwarze Peter für die homo­phoben Ausflipper amerikanischer Soldaten einfach an die afghanische Gesell­schaft weitergegeben.

Bizarre Anekdoten präsentieren die “kulturellen Missverständnisse” in den Interaktionen zwischen paschtunischen Übersetzern und amerikanischem Militärpersonal nicht nur konsequent aus dessen erzählerischer Warte, sondern stellen sie als Folge einer naiven sexuellen Unwissenheit auf Seiten des “Anderen” dar: Afghanische Ehemänner müssen von amerikanischen Ärzten offenbar erst noch darüber in Kenntnis werden, dass nicht der Storch die kleinen Babies bringt. Man fragt sich fast, wie diese Kultur ohne Assistenz von außen so lange überleben konnte:

The U.S. army medic also told members of the research unit that she and her colleagues had to explain to a local man how to get his wife pregnant.

The report said: “When it was explained to him what was necessary, he reacted with disgust and asked, ‘How could one feel desire to be with a woman, who God has made unclean, when one could be with a man, who is clean? Surely this must be wrong.’”

Nicht nur, dass die Glaubwürdigkeit solcher Geschichten für Fox News außer Frage zu stehen scheint. Paschtunische Männer werden auch nirgends selbst zum Subjekt einer Erzählung, in der das amerikanische Publikum seine homophoben Normen als ihre eigene “soziokulturelle Besonderheit” zurück­gespiegelt bekäme. Die Marginalisierung gleichgeschlechtlichen Begehrens ist der Normalzustand, die “heterophobe” paschtunische Gesellschaft eine bizarre Aberration, die nicht einmal Afghanistan als Ganzem, sondern strikt der Eigentümlichkeit einer bestimmten “ethnischen Gruppe” zugeordnet bleibt. Es ist, als wollten die US-Militärforscher in ihrer Borniertheit noch einmal den prototypischen Pariser aus Montesquieus satirischen Perserbriefen geben: “Oha, der Herr ist Paschtune? Was für eine höchst außerordentliche Sache! Wie kann man nur Paschtune sein?”

Und natürlich sind es allein die Afghanen, die laut Überschrift von Fox News mit ihrer “sexuellen Identität kämpfen”, aber keinesfalls die US-Soldaten, die sich in der Gegenwart paschtunischer Männer sichtlich “verwirrt” und “un­behaglich” fühlen, weil die homophoben Werte ihrer Heimat keine allgemeine Geltung mehr besitzen:

The research unit, which was attached to a Marine battalion in southern Afghanistan, acknowledged that the behavior of some Afghan men has left Western forces “frequently confused.” [...]

Though U.S. troops are commonly taught in training for Afghanistan that the “effeminate characteristics” of Pashtun men are “normal” and not an indicator of homosexuality, the report said U.S. forces should not “dismiss” the unique version of homosexuality that is actually practiced in the region “out of desire to avoid western discomfort.”

Während es der Studie angeblich um die Unsicherheiten und “Identitäts­kämpfe” afghanischer Männer geht, wie Fox News glauben machen will, lugt doch in Wahrheit überall die Sorge um die psychische Selbstbehauptung der US-Soldaten hervor. Ihnen gälte es künftig zu erklären, wie sie die Annähe­rungen afghanischer Männer zum “einzigartigen” Ausdruck einer “fremden Kultur” objektivieren können. So sollen sie in einer entsprechenden Situation die Kontrolle über sich behalten und nicht etwa, wie zuhause üblich, in eine psychotische “Gay panic“-Reaktion verfallen. Homophobe Übergriffe bis hin zum Mord, dessen die US-Truppen bereits im Irak verdächtigt wurden, beinhalten schließlich nicht nur das Risiko, die amerikanischen Streitkräfte noch weiter von der afghanischen Bevölkerung zu entfremden. Sie könnten auch das Ansehen eines Einsatzes beschädigen, der im Namen der Menschenrechte, der Befreiung der Frauen und – zumindest in der kruden Vorstellungswelt einiger linksliberaler Medien – zuweilen auch der “Homo­sexuellen” legitimiert wurde.

Nachtrag:Widernatürliche fleischliche Kopulation” zwischen Männern ist in der US-Armee streng verboten und kann mit bis zu fünf Jahren Arrest, bei Ausübung von Zwang auch mit lebenslanger Freiheitsstrafe geahndet werden.

Kürzlich erschien im Stern ein Artikel, in dem die Rede davon war, Sperma hätte möglicherweise antidepressive Eigenschaften. Das war mal wieder so eine abstruse Statistikauswertung wie "Wo Störche nisten, werden mehr Kinder geboren" oder "In der Nähe von Hochspannungsleitungen gibt es mehr Hirntumore als Leukämiefälle", und ich las den Beitrag wenig überzeugt meiner Nichte vor. Da meinte die "Aha, deshalb geht es mir so gut, wenn ich gerade Sperma geschluckt...

Über-Bande-Gelinke-mit mondoprinte;-) http://mondoprinte.wordpress.com/2010/08/29/bundeswehreinsatze-und-wirtschaftsinteressen/

Wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, scheint es weltweit eine unheilige Allianz zu geben von Leuten, die von "jüdischen Genen" schwadronieren. Hier reiht sich Herr Sarrazin ein neben ultraorthodoxen rechtsstehenden Rabbinern und US-Evangelikalen. Schöne Mischpoche! http://www.haaretz.com/print-edition/features/jewish-gene-theories-make-waves-in-germany-go-unnoticed-in-israel-1.311182

"Auch wenn das pseudowissenschaftliche Rassenforschertum im 21. Jahrhundert meint, im Rückgriff auf populäre Thesen des mittleren 20. Jahrhunderts Gene bemühen zu müssen - was tut man nicht alles für einen wohldotierten Vorruhestand -"...

Montag, 30. August 2010

PRO ASYL Bundesweite Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge e.V. Presseerklärung 30. August 2010 Bundesweiter Gedenktag für die Toten in Abschiebungshaft PRO ASYL und Interkultureller Rat: Abschiebungshaft muss drastisch reduziert werden Anlässlich des heutigen Gedenktages für die Toten in Abschiebungshaft fordern PRO ASYL und der Interkulturelle Rat in Deutschland die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern auf, die Abschiebungshaft grundsätzlich...

Nach schiitischer Tradition hat die Nacht zum Freitag eine besondere Bedeutung. Die Menschen gehen auf den Friedhof und verteilen dort Datteln an alle Passanten. Wer dazu keine Zeit findet, verteilt Datteln auf der Strasse oder in der Nähe einer Moschee. Ausserdem werden im Fastenmonat Ramadan Datteln als regelmäßige Beilage gegessen.


Aufgabe der Männer ist es, auf die Palmen zu klettern und die Datteln zu pflücken.


Frauen sind für die Auslese und Säuberung der Datteln zuständig.

Richard C. Schneider besucht dieses mal in seinem Videoblog aus Israel und Palästina die in Jerusalem ansässige israelische Friedensorganisation “ir armim”. Was erst als ein Interview über die Lage in Jerusalem beginnt, endet in einer interessanten Diskussion über den Friedensprozess.  Jerusalem – “Stadt der Völker”


khavaran
Im Jahr 1988 erließ Chomeini ein religiöses Dekret (Fatwa), mit dem er Anweisung zu einem Massaker in den iranischen Gefängnissen erteilte. Darauf wurden mindestens 5000 Menschen in den Gefängnissen ermordet, deren „Schuld“ darin bestand, sich zu weigern, die Islamische Republik zu akzeptieren. Die Leichen wurden weit außerhalb im Osten Teherans in Chawaran verscharrt: Bulldozer hoben das Erdreich aus und die Leichen wurden lastwagenweise in die Gruben gekippt.

Jedes Jahr organisieren Exiliraner in der ganzen Welt Trauerfeiern zum Gedenken an die Toten dieses Massakers. Auch im Iran findet ein Gedenken statt. Etwa 10 km östlich von Teheran, in einem trockenen Gebiet, befindet sich eines von vielen Massengräbern im ganzen Land, in denen die Opfer dieses Massakers verscharrt wurden.

Khavaran
Jedes Jahr wird im September ein Trauerfest an diesem Ort abgehalten. Die Teilnehmer sind nur die engsten Verwandten. Trotz der Behinderungen und Absperrungen durch Geheimdienste, Pasdaran und Basiji gelangten die Verwandeten auf den Friedhof. Einige von ihnen wurden festgenommen.

Das folgende Video konnte vor Ort aufgezeichnet und später veröffentlicht werden, obwohl bei den Absperrungen Fotoapparate, Camcorder und Handies beschlagnahmt wurden.


Es wurden Reden gehalten und alte, verbotene Lieder gesungen, die viele Jahre nicht mehr zu hören gewesen sind.


Hajar Rostami, die Mutter von Neda Agha Soltan

Hajar Rostami, die Mutter von Neda Agha Soltan, hat in einem Interview mit der internationalen Menschenrechtskampagne im Iran erklärt, dass sie Hilfe braucht von internationalen Menschenrechtsorganisationen, internationalen Einrichtungen und vom internationalen Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag. Nichts von dem, was sie und ihre Familie bislang unternommen haben, um den Mörder ihrer Tochter zu finden, hätte zu einem Ergebnis geführt. Sie habe ihrer Regierung nichts mehr zu sagen. Sie habe bis jetzt immer geschwiegen. Jetzt brauche sie aber die Hilfe von der ganzen Welt, um den Mörder von Neda zu finden. Ihr Kind habe sie verloren und ihr Leben sei ruiniert. Wann immer sie von Nedas Grab nach Hause komme, hätte sie das Gefühl, dass Neda gerade erst in diesem Moment getötet und begraben worden sei.

Am 20. Juni 2009 wurde Neda Agha-Soltan auf den Strassen von Teheran erschossen, während sie gegen den Wahlbetrug von Ahmadinejad demonstrierte. Die Nachricht verbreitete sich noch am gleichen Tag weltweit, nachdem ein Video über ihren Tod veröffentlicht wurde. Sie wurde zum Symbol der Demokratiebewegung im Iran.

Eine Schlüsselstelle in Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab« scheint die These von der Vererbung der Intelligenz zu sein. Jedenfalls weist er in den Interviews immer wieder darauf hin, die Rezensionen steigen darauf ein und Frank Schirrmacher, der irgendwie Dauerverhinderte unter den Vorzeigeintellektuellen der Nation, baut einen ganzen Gaga-Essay1 zu Sarrazin auf der Vererbungsthese auf.
Also – Intelligenz ist vererbbar, wird vererbt, und zwar, da schwankt Gen-Deketiv Sarrazin noch, zwischen fünfzig und achtzig Prozent, mal legt er sich auf sechzig Prozent fest, dann sollen es doch wieder achtzig sein.

Wir wollen Sarrazin und Schirrmacher (»…die Frage, ob Intelligenz größtenteils vererbt wird oder kulturell geschaffen werden kann, ist eine der völlig offenen Fragen.«) da gerne weiterhelfen. Die Antwort ist nämlich ganz einfach: Intelligenz ist zu hundert Prozent vererbbar. Das ist die Identität der Gattung mit sich selbst.
Dass die Menschen Urteilen, sich zu diesen Urteilen verhalten und in der Lage sind, aufgrund veränderter Zustände neue Urteile zu treffen, kurzum: dass sie sich ihren Reim auf die Welt machen, dass ist die Intelligenz. Nicht mehr, nicht weniger.
Die Identität der Gattung mit sich selbst ist kein Ideal, an dem sich die einzelnen Menschen aufzurichten hätten, sie gibt keine Norm vor, an der Menschen, die, sagen wir, blind oder mit dem Down-Syndrom zur Welt kommen oder die nach einem Unfall bestimmte Hirnfunktionen nicht mehr ausüben können, scheitern könnten. Weil es nicht den Reim auf die Welt gibt, machen sich die Menschen ihren Reim. Die Intelligenz ist das Dasein der Menschheit, wäre sie es nicht, es gäbe keine Menschheit, sondern vielleicht bloß eine Reihe weiterer Affenarten.
Oder anders formuliert: Dass die Menschheit überhaupt Dinge wie die Atombombe, das Internet oder die FAZ erfunden hat, liegt an ihrer spezifischen genetischen, neurologischen, biologischen etc.pp. Verfasstheit. Man wird aber keine der sogenannten Kulturleistungen auf die Gene zurückführen können. Dass die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg und Josef-Matthias Hauer um 1920 entdeckt und entwickelt wurde und nicht schon 130 Jahre früher von Mozart, darauf werden Genetik und Sozio-Biologie keine Antwort finden.

Was wir hier mitgeteilt haben, sind Banalitäten, die für gewöhnlich nicht am Ende, sondern am Anfang einer Erklärung stehen – man lässt sie hinter sich. Dass die Menschheit an sich intelligent ist und diese Intelligenz Generation für Generation weitergibt – und sie noch keine Katastrophe, egal ob Eiszeit oder Weltkrieg, an der Weitergabe dieser Intelligenz dauerhaft gehindert hat –, erklärt nicht den Kapitalismus und begründet nicht den Kommunismus (aber versetzt uns überhaupt in die Lage zu erkennen, was Kapitalismus ist – nun, auch dies eine Banalität). Wird, wie bei Sarrazin und Schirrmacher der Sachverhalt umgedreht dargestellt, wird also die Tatsache, DASS Intelligenz vererbt wird, als die eigentliche Big News herausgestrichen, heißt das, dass diese Banalität im Dienste einer bestimmten Politik steht – eine gleichsam »unschuldige«, »rein wissenschaftliche«, »neutrale« Bemerkung ist es dann nicht mehr.
Denn natürlich ist das wissenschaftliche Fundament dieser Politisierung geheuchelt2. Im Prinzip ist es wurst, ob die Intelligenz zu dreißig, vierzig, fünfzig oder neunundneunzig Prozent vererbt wird. Weil es die jeweils selbe gattungseigene Intelligenz ist, sind die Prozentzahlen der Vererbung strenggenommen völlig unerheblich. Sarrazin geht aber davon aus, dass spezifische Intelligenzen vererbt werden, nämlich die, die dafür sorgen, dass die eine Familie in der vierten Generation Architekten hervorbringt, während in der anderen der Großvater Hilfsarbeiter war, die Mutter arbeitslos ist und der Sohn Hartz’ler wird. So wird die Rede von der Vererbung der Intelligenz zu einem Mittel, soziale Ungleichheiten zu rechtfertigen. Die letztlich keine sozialen, sondern natürliche (unveränderliche, überzeitliche) sind. Und mit denen man so umgehen muss, wie ein Gärtner mit Pflanzen umgeht, die in seinem Garten an Stellen wachsen, wo sie nicht wachsen sollen.

Nachtrag: Sarrazin Bashing ist eine beliebte, gern genommene Freizeitbeschäftigung in diesen Tagen. Frank Schirrmacher, der zu den wenigen Verteidigern Sarrazins gehört und der das auf die ihm eigene verdruckste Art und Weise ausdrückt, hat schon öfters die heftigen Wallungen der Political Correctness beobachten können. Deshalb sagt er nicht einfach, Sarrazin hat aber recht!, er erweitert schon mal den Horizont: Vergesst doch mal Sarrazin und diese notorischen Problembezirke in Berlin und Hamburg und beschäftigt euch mit der Substanz des Buches, die unabhängig von ihrem Autor Bestand hat. Für Schirrmacher ist Sarrazin nur der brachiale Türöffner für ganz andere, weitergehende Debatten. Die werden ohne Zweifel kommen, der Name Sarrazins wird dann kaum noch fallen. Deswegen ist es müßig, noch einmal auf Sarrazin herumzutrampeln (was nicht heißt, dass es im Alltag sehr wohl angebracht ist, Lesungen und Diskussionsveranstaltungen mit ihm zu stören und ggf. zu verhindern). Vielmehr muss man Schirrmacher ernst nehmen, wenn er folgendes schreibt: »Sarrazin ist lediglich der Ghostwriter der Gespenster, die uns jetzt heimsuchen.« Es sind bloß keine Gespenster, sondern die Zombies der bürgerlichen Politik.

  1. »… mit jeder Seite, die man liest, wird klarer, dass es sich hier nicht um ein bildungsbürgerliches Traktat handelt, sondern um die Etablierung eines völlig anderen Kulturbegriffs[Hervorh. Ofenschlot]. Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, „Zuchtwahl“ und „Auslese“. (…) Kultur ist ihm der Reflex biologischer Prozesse.« Ja, natürlich, das muss wirklich ein völlig anderer Kulturbegriff sein, so völlig anders, dass noch nicht mal die Nazis und ihre Stichwortgeber aus dem Rassenlehre-Diskurs (Gobineau, Chamberlaine) auf diese Idee kamen …
    Eine der perfidesten Passagen des Essays geht so:
    »Ist er deshalb, wie manche behaupten, ein Rassist? Gewiss nicht, denn in Wahrheit bezieht er sich, ohne auch das deutlich zu machen, auf die große Einwanderungs- und Intelligenzdebatte, die vor fast genau hundert Jahren in den Vereinigten Staaten stattfand und dort zu einer Gesetzgebung führte, die bis 1965 in Kraft blieb. Wer nachliest, was damals unter dem Eindruck der Zuwanderungsströme im Ersten Weltkrieg in Amerika diskutiert wurde, befindet sich mitten in der Sarrazin-Diskussion. Die Zukunft des Landes war in Gefahr, die Intelligenz verkümmerte, Ethnien wurden analysiert und selektiert. Am schlimmsten waren die Japaner und die Süditaliener. „Nein, wir arbeiten nicht“, heißt es etwa in einem der einflussreichsten Werke der damaligen Zeit („The Old World in the New“) über die Italiener. „Wir haben andere, die für uns arbeiten. Es sind diese Parasiten, die die meisten Verbrechen begehen.“ Sie verlassen die Schule bei der ersten Gelegenheit, sie können nicht lesen und nicht schreiben, sind schlecht in Mathematik, und „ihnen fehlt die Fähigkeit zu denken“. Es hat sich gezeigt, dass Bildung und der Glaube an die eigene Kultur die Integration dieser Gruppen nach 1965 viel mehr beschleunigte als jede Form eugenischer Politik.«
    Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lasse: … viel mehr beschleunigte als … Soll heißen: auch irgendeine eugenische Politik hätte ihr Ziel erreicht, freilich längst nicht so schnell. Der Einwand gegen die Eugenik, den Schirrmacher auf Nachfrage wahrscheinlich als fundamental bezeichnen würde, ist ein rein taktischer: Eugenik ist einfach nicht so elegant handhabbar wie andere Formen der Integration ins Gemeinwesen. [zurück]
  2. Die Süddeutsche zitiert: »Aus der Tatsache, dass die meisten Juden zum Teil identische Gene hätten, „ergibt sich weder eine positive noch eine negative Zuschreibung“, sagt Sarrazin.« Warum erwähnt er die vermeintliche genetische Identität dann überhaupt? [zurück]


Warum freuen sich diese Parlamentarier über die Amtsenthebung von ihresgleichen?

Die Suspendierung des ehemaligen Staatsanwalts von Teheran, Sa‘id Mortasawi, und zweier Richter, Ali-Akbar Heydari-Far und Hassan Sare‘ Dehnawi, verbunden mit der Aufhebung ihrer Immunität, war ein Sieg für das iranische Parlament gegenüber Ahmadinejad. Deshalb haben 216 Abgeordnete bei der gestrigen Parlamentssitzung eine Erklärung abgegeben, in der sie der Justiz ihren Dank ausdrücken. Die Erklärung wurde vom Parlamentsmitglied Omidvar Rezai verlesen. In ihr wird der Mut des Richters, der die Suspendierungen entschieden hat, gelobt und die Hoffnung ausgedrückt, dass Sa‘id Mortasawi und die anderen vor Gericht gestellt werden und ihre gerechte Strafe bekommen.

Kommentar: Vielleicht freuen sie sich, dass nicht sie selbst zum Bauernopfer geworden sind.

Die Bella Ciao Wochen in Erinnerung und zu Ehren der Partigiani und der neuen Guerilleros Metropolitana beende ich mit dem echten Partisanensong. Eigentlich hätte ich jeden Montag weitermachen können. Heute wäre wahrscheinlich Stefans Vorschlag dran gewesen. Aber irgend wann muß ja auch Schluß sein mit den Hiphop-, den deutschen Punk-, den türkisch-folkloristischen [...]

Sonntag, 29. August 2010

Dass Watsons Umweltschutzorganisation "Sea Shepherd" etwas weiter geht als Greenpeace und Fischnetze rammt finde ich angesichts des permanenten Thunfischmassakers, das zum Umkippen des gesamten Ökosystems "Mittelmeer" führen kann (ja, deutsche Mallorca-UrlauberInnen, dann sterbt mal schön durch Killerquallen) durchaus sinnvoll, ebenso wie die Aktionen von Greenpeace selber, auch wenn ich keine von beiden Organisationen insgesamt für unterstützenswert halte. Warum marschieren...

Die hochgeschätzte Frau Arboretum zu Sarrazin bei Don: Ein Rezensent empfahl, zu Sarrazins Thesen den folgenden Text gegenzulesen: Der Reichsminister des Innern, Dr. Wilhelm Frick in seiner Ansprache auf der ersten Sitzung des Sachverständigenbeirates für Bevölkerungs- und Rassenpolitik am 28. Juni 1933 in Berlin (Reichsausschuss für Volksgesundheitsdienst) 1933. Und er schloss seine Buchbewertung mit den Worten: "Wer danach noch meint, Sarrazin habe recht, ist erstens...

IV. Erläuterungen von Engels

Lenin sucht hier auf konkrete Fragen, die sich der neu einzurichtenden Staatsmacht stellen, eine Antwort, und schlägt wieder nach bei den Klassikern. Er zitiert zunächst Engels Abhandlung von 1873 „Zur Wohnungsfrage“ ).

Festgestellt wird einmal: Es gibt im Kapitalismus jede Menge leerstehenden Wohnraum, und gleichzeitig Obdachlose. Der Grund für diesen Umstand ist das Privateigentum. Eine korrekte Feststellung.

Wie sieht die Lösung Engels/Lenin für dieses Problem aus, nach der „proletarischen Revolution“?
Löst man das Privateigentum auf und baut möglichst schnell ordentliche Häuser?
Keineswegs. Sondern man verteilt einmal das Vorhandene, und wer sich darüber aufregt, ist ein Klassenfeind:

„Soviel aber ist sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohngebäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben jeder wirklichen ‚Wohnungsnot‘ sofort abzuhelfen. Dies kann natürlich nur durch Expropriation der heutigen Besitzer, resp. durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen oder in ihren bisherigen Wohnungen übermäßig zusammengedrängten Arbeitern geschehn, und sobald das Proletariat die politische Macht erobert hat, wird eine solche, durch das öffentliche Wohl gebotene Maßregel ebenso leicht ausführbar sein, wie andere Expropriationen und Einquartierungen durch den heutigen Staat.“(S. 69)

Engels erklärt also das Vorhandene für ausreichend und alles nur für eine Frage der Verteilung.
Das ist ein wenig naiv, oder zumindest verharmlosend gedacht, ähnlich wie heute gegen den Hunger in der Welt protestiert wird: Es ist ja genug da, nur aus Geschäftsinteresse wird es nicht den Bedürftigen gegeben.
In Wirklichkeit verhält es sich im Kapitalismus so, daß viele Dinge gar nicht erst erzeugt werden, weil sich die Unternehmer kein zahlungsfähiges Bedürfnis dafür ausrechnen. So stehen zwar Wohnungen leer und werden Lebensmittel vernichtet, aber es werden eben auch viele der Ersteren gar nicht erst gebaut und viele der Letzteren gar nicht erst angebaut. Der Kapitalismus erzeugt Mangel auf zweierlei Art: Erstens verwehrt er durch die Eigentumsordnung den Bedürftigen den Zugang zu bereits vorhandenem Reichtum. Zweitens orientiert sich die Produktion von konkretem Reichtum nicht am gesellschaftlichen Bedürfnis, sondern an der Zahlungsfähigkeit des p.t. Publikums.

Die Vorstellung von Engels, daß die Wohnungsfrage durch Enteignungen und Einquartierungen zu lösen wäre, hat durchaus Folgen gehabt im ersten proletarischen Staat: Noch heute leben viele Menschen in russischen und anderen Städten postsowjetischer Staaten in den sogenannten „Kommunalkas“, ehemals gutbürgerlichen großen Wohnungen von 10-15 Zimmern, in der pro Zimmer ein bis drei Leute leben und sich eine Küche, ein Bad und ein, bestenfalls zwei Klos teilen.

Auch eine Möglichkeit, „Wohnungsnot“ zu bekämpfen.

Engels rechtfertigt in seiner Schrift auch Pacht und Miete:

„Übrigens muß konstatiert werden, daß die ‚faktische Besitzergreifung‘ sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volkes, das gerade Gegenteil ist von der proudhonistischen ‚Ablösung‘. Bei der letzteren wird der einzelne Arbeiter Eigentümer der Wohnung, des Bauernhofs, des Arbeitsinstruments; bei der ersteren bleibt das ‚arbeitende Volk‘ Gesamteigentümer der Häuser, Fabriken und Arbeitsinstrumente, und wird deren Nießbrauch, wenigstens während einer Übergangszeit, schwerlich ohne Entschädigung der Kosten an einzelne oder Gesellschaften überlassen. Gerade wie die Abschaffung des Grundeigentums nicht die Abschaffung der Grundrente ist, sondern ihre Übertragung, wenn auch in modifizierter Weise, an die Gesellschaft. Die faktische Besitznahme sämtlicher Arbeitsinstrumente durch das arbeitende Volk schließt also die Beibehaltung des Mietverhältnisses keineswegs aus.“ (S. 70)

Statt dem Privateigentum setzt Engels – und, auf ihn aufbauend, Lenin – auf ein anonymes Volkseigentum, das aber natürlich von irgendwem vertreten werden muß, und an diese Volksvertretung sind auch Pacht und Miete zu entrichten. Der gesamte Wohnraum, und auch der gesamte Boden eines Landes erhält also einen neuen Eigentümer, der fürs Einkassieren der Pacht und Miete zuständig ist und natürlich auch darüber entscheidet, wer diese Wohnungen bewohnen, auf diesem Grund bauen oder jene Felder bewirtschaften darf. Diese mit dem unvermeidlichen Hinweis auf die „Übergangszeit“ eingerichteten neuen Besitzverhältnisse weisen darauf hin, daß hier die gesamte Bevölkerung gewaltsam enteignet und eine keineswegs absterbende neue Macht eingerichtet wird.

Lenins Schlußfolgerung aus den Ausführungen Engels’ ist anders, bzw. sieht die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten als eine positive Entwicklung:

„Alles das erfordert eine gewisse Staatsform, erfordert aber keineswegs einen besonderen militärischen und bürokratischen Apparat mit beamteten Personen in besonders bevorzugter Stellung.“ (S. 70)

Über diesen Satz hätten die Bürger der Sowjetunion nur herzhaft gelacht. Eine Stellung im Wohnungsamt war dort nämlich sehr begehrt, weil man da an einer der Schaltstellen der Macht saß.

Requires no comment …

OT: “Pashtun translator Flirts with American soldiers LOL”

Was man auf Youtube so alles findet: Palestinian Gay Wedding.

Was uns zu Paaren treibt und dafür sorgt, dass ein solidarisches Miteinander, eine Einheit der Armen und Prekären in diesem Lande gar nicht erst auf die Beine kommt ist diese Haltung sozial schwach gestellter Menschen, sich selbst der vermeintlichen Tatsache zu versichern, doch selber nicht ganz prekär zu sein und sich hingegen panisch von jenen abzugrenzen die dies vermeintlich tatsächlich sind. Einerseits. Und Andererseits habe ich auch schon die seltsamsten Formen von Sozialneid...

Jetzt hat also auch schon der DIHK gefordert, die Bundeswehr müsse den Interessen der Wirtschaft dienen. Abgesehen davon, dass dies seit 1992 in den Verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundeswehr steht - ein alter Freund hatte 16 Monate dafür bekommen, dass er damit seine totale Kriegsdienstverweigerung begründete - abgesehen davon also haben wir die schöne Situation, dass eine Interessenvertretung des Kapitals fordert, die Bundeswehr habe endlich mal eine richtig imperialistische...

Samstag, 28. August 2010

Das iranische islamische Modell sieht vor, dass die Menschen stets in Angst vor Gott leben sollen, was nicht nur für Iranerinnen und Iraner sondern für die ganze Welt gilt. Voraussetzung dafür ist ein dauernder Zustand der Krise, der die Menschen desorientiert und für die Islamisierung empfänglich macht.

In der Pasdaran-Zeitschrift Sobhe Sadeq (Übersetzt: „Richtiger Morgen“ – d.h. der Moment in dem der Imam Mahdi in der Welt erscheint ) liest sich das so, dass, je brutaler in den Medien die strikte Anwendung der Scharia vermittelt würde ( z.B. bei Steinigungen, etc. ), desto mehr Angst auch bei den westlichen Ländern verbreitet werden könne.

Bei der radikalfundamentalistischen Fraktion der Prinzipialisten legitimierte diese Theorie u.a. das extrem harte Vorgehen gegen die Demokratiebewegung nach den letzten Wahlen und auf der Basis der gleichen Theorie wurden das Ewin-Gefängnis oder das Kahrisak-Gefängnis so organisiert, dass die bekannten Verbrechen stattfinden konnten.

Im Moment steht die drohende Steinigung von Sakineh Mohammadi Ashtiani im Zeitrum der weltweiten Aufmerksamkeit. Doch es geht um viel mehr Menschen. Die Gefängnisse sind voll mit Menschen, denen die gleiche Strafe (Steinigung) oder die Hinrichtung droht. Z.B. Zeynab Jalaliyan, Mohammad Ali Saremi, Jafar Kazemi, Mohammad Ali Haj‘aghai, Ahmad Daneshpour, Mohsen Daneshpour, …

Aus diesem Grund sind Demonstrationen gegen Steinigungen und Hinrichtungen vor den iranischen Botschaften und Konsulaten in aller Welt zu begrüßen. Wer an die Menschenrechte glaubt, sollte diese Demonstrationen direkt oder indirekt unterstützen.


Paris


Paris


Paris


Schweden


Schweden


Brasilien, vor der iranischen Botschaft

du bist schon groß, das kann man sehen
Und darfst nun auch zur Schule gehen
Das wird sehr spannend, glaube mir
Viel Spaß beim Lernen wünsch ich dir

Wolfgang Pohrt gegen seine Liebhaber verteidigen? Überflüssig. Das macht der selber, hat er immer schon gemacht. Pohrt ist der Anarch der kritischen Theorie – immer wenn man denkt, das oder dies läge doch voll auf seiner Linie, hat er sich, ganz Partisan der bösen Provokation, bereits abseits dieser in die Büsche geschlagen. Dabei ist Pohrt immer ein Dialektiker geblieben, denn seine Beweglichkeit, sein notorisch negativer Geist beruht auf verhältnismäßig wenigen Einsichten über die Geschichtlichkeit des Wertgesetzes, die er in seiner frühen Marx-Exegese (»Theorie des Gebrauchswerts«, 1976) gewonnen hatte1. Beliebig, ein Querulant gar, ist er nie gewesen. Lässt man sich auf ihn ein, glaubt man ihm erst mal alles – das liegt daran, dass er den historisch-gesellschaftlichen Ausschnitt, der jeweils Gegenstand seiner Polemiken ist, messerscharf seziert. Erst später und mit einigem Abstand erkennt man, dass der Ausschnitt eben ein Ausschnitt war und dass sich so manche stillschweigende Voraussetzung eingeschlichen hat, die einfach unzulässig ist. Beispiele? Findet ihr selber, wenn ihr seine Texte nicht als in sich geschlossene, quasi-wissenschaftliche Abhandlungen lest (wie das jahrelang seine falschen antideutschen Freunde gemacht haben), sondern als tagespolitische Nahkampfübungen.
Warum wir hier auf Pohrt zu sprechen kommen, ist nicht sein 65. Geburtstag, den sein Stammverlag Edition Tiamat just mit einem repräsentativem Auswahlband »Gewalt und Politik« gewürdigt hat. Sondern eine Frage, die einfach so vom Himmel fiel: Hat sich Wolfgang Pohrt eigentlich zu Israel geäußert?
Blöde Frage, oder? Dahinter steckt aber folgende Überlegung: Den »klassischen« Antideutschen, jene also, die sich gegen den deutschen Großmachtsnationalismus der 1990er Jahre zuerst formierten, ging es nicht um Israel. Israel war eigentlich völlig uninteressant. Es ging um die (Entlarvung der) deutschen Obsessionen, die sich mit Israel verknüpften: »Eine Israelreise geriet zum Kuraufenthalt, woraus die Deutschen, von ihrer Vergangenheit geheilt, zurückkehrten; die kurze Geschichte Israels wurde zum belebenden Elixier, nach welchem die Zuhausegebliebenen gierig griffen.«2 Es ging um die Schlupflöcher eines Antisemitismus, der offiziell verboten, gesellschaftlich gleichwohl virulent war (immer noch ist) und der sich politisch korrekt nur als Antizionismus artikulieren konnte (es immer noch tut). DIESE politischen Verschiebungs- und Übertragungsleistungen galt es, gerade auch in der Linken, zu decodieren. Von Israel als Vorposten des Westens (Wächterstaat für unser aller Freiheit), als »einzige Demokratie im Nahen Osten«, als »bewaffneten Versuch der Juden, den Kommunismus lebend zu erreichen« (ISF Freiburg), selbst von Israel als »Staat der Überlebenden« war nicht die Rede. Zumindest eine zeitlang nicht: Übergänge zur unbedingt positiven Besetzung des linksdeutschen Israel-Bildes mag man schon in den Debatten den frühen 1990er Jahre finden – etwa wenn man jede Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung unter Antizionismus- vulgo: Antisemitismus-Verdacht gestellt hat.
Pohrt ist so häufig so penetrant zum Stichwortgeber und (wie wir heute wissen: unfreiwilligen) Stilberater der Antideutschen avanciert – inklusive der bis zum Überdruss getriebenen Polemiksucht, die schlicht eine Pohrt-Verballhornung ist –, dass in dem ganzen Getöse untergegangen ist, dass sich Pohrt selten zu Israel geäußert hat und sich die einzige uns bekannte wirklich zusammenhängende Äußerung wiefolgt liest5.
Dieser Text – es handelt sich um »Linksradikalismus und nationaler Befreiungskampf«, erschienen in der taz vom 3.8.1982, auch in Wolfgang Pohrt: »Kreisverkehr, Wendepunkt. Über die Wechseljahre der Nation und die Linke im Widerstreit der Gefühle«, Edition Tiamat, Berlin 1984, S. 16-19 (allerdings nicht wieder aufgenommen in »Gewalt und Politik«)3 – lässt an Klarheit und Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig4. Basisbanalitäten – der Begriff kursierte doch immer mal wieder in den letzten Jahren bei ganz besonders erleuchteten Antifas, na, hier sind sie tatsächlich!

Der gegen Israel oder den Zionismus üblicherweise erhobene Vorwurf ist der, daß dieser Staat dort gegründet wurde, wo vorher andere Menschen lebten. Die Gründungsakte aller bisherigen Gemeinwesen aber waren keine der Gerechtigkeit, sondern stets solche der Gewalt. Sogar der Bilderbuchfrieden idyllischer Stämme und Völker, die einträchtig und in Harmonie mit den Nachbarn das Land der Väter nach alter Sitte bestellen, ist in der Regel ein Frieden, der auf dem ursprünglichen Gewaltakt der Landnahme und Vertreibung anderer beruht. Das von Nationen, Völkern, Stämmen untrennbare, weil logisch zwingend zu ihrem Begriff gehörende Recht, zwischen sich selbst und dem Fremden zu unterscheiden, und den Fremden als fremden Eindringling zu betrachten und zu verjagen, wenn er sich niederlassen will – dies Recht ist nur der legalisierte und kontinuierlich gewordene ursprüngliche Gewaltakt der Landnahme und Vertreibung.

Kein Volk erhielt seinen Platz auf der Erde zugesprochen nach Maßgabe rechtmäßiger Besitzansprüche von überirdischen Instanz, sondern jedes Volk hat sich irgendwann in der Geschichte seinen Platz mit Gewalt genommen; nicht nur aus praktischen Gründen – weil es eine überirdische gerechte Verteilungsinstanz nicht gibt, – sondern viel mehr noch deshalb, weil es im emphatischen Sinn kein Exklusivrecht für Deutsche, Franzosen, Israelis geben kann, irgendein Fleckchen Erde ausschließlich zu besitzen, und weil es ein Unrecht ist, wenn auf irgendeinem Fleckchen Erde Menschen nicht leben dürfen, nur deshalb, weil sie Türken, Vietnamesen, Juden oder Palästinenser sind. Das Recht auf nationale Autonomie und staatliche Souveränität ist nur ein anderer Name für das Unrecht, Leute zu schikanieren, auszuweisen, abzuschieben mit der Begründung, daß sie den falschen Paß oder die falsche Geburtsurkunde besäßen, und dieses Unrecht ist keine Verfälschung der Nationalstaatsidee, sondern ihr – bisweilen durch die Toleranz einsichtiger Menschen freilich gemildertes – Wesen.

Der Rechtsanspruch von Menschen, Völkern, Nationen auf ein Stück Erde ist nur ein anderer Name für den Anspruch, andere von diesem Stück Erde zu vertreiben. In jeder feierlichen Proklamation des Existenzrechts eines Volkes steckt die Drohung, das Existenzrecht diesem oder einem anderen Volk zu entziehen. In Wahrheit aber besitzt der Mensch ein Existenzrecht so wenig, wie er auch kein Recht, sich dort aufzuhalten, wo er gerade ist, oder kein Recht zu atmen, besitzt – ganz einfach deshalb, weil weder die bloße Existenz, noch das mit dieser Existenz verbundene Dasein auf einem Stück erde, noch das Atmen Dinge sind, welche unter die Rechtsverhältnisse fallen. Kein Mensch hat ein Recht darauf, an einem bestimmten ort zu leben, weil dieses bloße Dasein an irgendeinem Ort kein Unrecht sein kann und deshalb keiner Rechtfertigung bedarf. Nicht weil sie durch fleißige Arbeit ein Anwesenheitsrecht erworben haben, sondern weil sie da sind, müssen alle Türken in Deutschland bleiben dürfen. Nicht weil die Palästinenser ein Recht auf Palästina besaßen, sondern weil sie dort waren, war es ein Unrecht, daß sie von Israel vertrieben wurden.

Das Schachspielen mit den Gebietsansprüchen haben die Linksradikalen deshalb früher den Machthabern überlassen, denn nicht die Bevölkerung stand für die Linksradikalen zur Disposition, sondern das Produktionsverhältnis, die Machtverhältnisse, die Regierung. Ein krieg zwischen zwei Bevölkerungsgruppen, deren beider Ziel es ist, die jeweils andere von einem Stück Land zu vertreiben, hätte eben deshalb die Linksradikalen theoretisch bestätigt und praktisch ratlos gemacht. Ein solcher Krieg, wie er zwischen Israel in der Rolle des vertriebenen Vertreibers und den Palästinensern in der Rolle der Vertriebenen seit Jahrzehnten geführt wird, hätte die Linksradikalen in ihrer Erkenntnis bestätigt, daß es für soziale Probleme keine nationale Lösung gibt, oder jedenfalls keine andere als endloses Blutvergießen. Dieser Krieg hätte die Linksradikalen gleichzeitig praktisch ratlos gemacht, denn er bietet keine Möglichkeit, Partei zu ergreifen, weil

1. beide Parteien dasselbe wollen: den exklusiven Besitzanspruch auf ein und dasselbe Fleckchen Erde; die eigene Flagge, die eigene Armee, den eigenen Staat.

2. die Entwicklung Israels nur noch einmal zeigt, daß jeder Nationalstaat, auch dann, wenn humanitär gesonnene Leute ihn aus lautersten Motiven und mit den besten Absichten gründen, dazu neigt, ein gefräßiges Ungeheuer zu werden.

3. die schlimme Vergangenheit und Gegenwart Israels als Zukunftsprognose für einen Palästinenserstaat und als Warnung vor ihm begriffen werden muß, denn dieser Staat könnte sich von Israel nur dadurch unterscheiden, daß seine Bewohner nicht Israelis, sondern Palästinenser heißen. Im Libanon wurden die israelischen Truppen als Befreier gefeiert und waren die Palästinenser verhasst; kaum deshalb, weil sich die Palästinenser im Libanon wie freundliche, verständige und bescheidene Gäste benahmen, wenn sie selbst die Mehrheit hatten und die PLO die Macht; kaum deshalb, weil Palästinenser unsympathische Leute sind, sondern deshalb, weil Menschen dann, wenn sie als Volk auftreten, im Umgang mit Minderheiten niemals besonders zartfühlend und zimperlich sind.

4. also der nationale Befreiungskampf der PLO kein Kampf für die Abschaffung aller Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse ist, sondern ein Kampf für den Erwerb der Voraussetzungen, unter denen sich mit Sicherheit alle Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse wiederholen.

5. schließlich Linksradikale weder den Vorteil noch den feinen Unterschied sehen können, der angeblich darin besteht, wenn Menschen nicht von fremden Truppen massakriert werden, wie jetzt im Libanon, sondern von den Truppen des eigenen Landes, wie in Hama, oder doch von den Truppen wenigstens verwandter Völker, wie jetzt im Krieg zwischen Iran und Irak; weil Linksradikale nicht mit jener Unterdrückern nicht nur nationaler Minderheiten, sondern auch der großen Mehrheit der Bevölkerung paktieren können, die sämtliche arabischen Regimes heute sind.

Wenn trotzdem heute militante Linke im idiotischen Konflikt zweier völkischer Nationalismen keinen Grund zur Ratlosigkeit sehen, fast zur Resignation, sondern eine willkommene Gelegenheit, mitzumischen, blindlings und fanatisch Partei zu ergreifen und sich mit aller Einbildungskraft uns Schlachtgetümmel des ’nationalen Befreiungskampfes’ zu stürzen, dann hat das nichts mit Linksradikalismus zu tun, sondern mit den bösen verschwiegenen Sehnsüchten, die im Herzen dieses Volkes schlummern. Den Nutzen davon werden nicht die Palästinenser und den Schaden davon wird nicht Israel haben, sondern die Leidtragenden werden die Ausländer in der Bundesrepublik sein – dann, wenn die deutschen den nationalen Befreiungskampf nicht mehr stellvertretend für andere Völker, sondern bei sich selber führen, dann, wenn das Bündnis zwischen Militanz und Mob […] eine realistische politische Basis bekommt.

  1. Hier entwickelte er seinen Grundgedanken, dass der Kapitalismus die eigenen Grundlagen zerstört, ohne dass die erhoffte Zusammenbruchskrise naht, aus der das Proletariat siegreich hervorgeht. Vielmehr hebt sich der Kapitalismus auf seiner eigenen Grundlage auf: Wir treten in eine geschichtslose Zeit ein, die faschistische Epoche gibt uns darauf den ersten Vorgeschmack. [zurück]
  2. Eike Geisel: »Die Reise nach Jerusalem als Pilgerfahrt nach Deutschland. Oder: Die Kunst, in der Fremde daheim zu sein.«, in Ders.: »Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen«, Edition Tiamat, Berlin 1984, S. 73 (ursprünglich in Konkret 3/84 erschienen). [zurück]
  3. Wir dokumentieren den Text leicht gekürzt. In letzter Sekunde ist uns aufgefallen, dass der Text sich in ganzer Länge auf der Homepage von Martin Blumentritt, lustigerweise einem antideutschen Aktivisten, findet. [zurück]
  4. Wenig heißt nicht nichts. So bezeichnet Pohrt den Krieg zwischen Iran und Irak als Krieg verwandter Völker. Das lässt stirnrunzeln – Iraner und Iraker sind so nah oder so entfernt verwandt wie, sagen wir, Deutsche und Marokkaner, Briten und Serben, Spanier und Kambodschaner. [zurück]
  5. Aber hat nicht Pohrt 1991, im Golfkriegsmonat, in einem skurrilen Text für Konkret auf einen Kernwaffen-Einsatz Israels gegen Saddams Irak gehofft? 1. Ist auch das kein spezifischer Israel-Text, 2. Hat er seine Polemik sieben Jahre später in einem Interview, dass – those were the days – Jürgen Elsässer für die Jungle World führte, relativiert. Wir zitieren nach der Buchfassung, Wolfgang Pohrt: »FAQ«, Edition Tiamat, Berlin 2004, S.63:
    Frage: […] Wie würden Sie heute, mit einigem Abstand, diese Kritik an Ihrer Position sehen – etwa an Ihrer Zuspitzung, Israel möge eine B- und C-Waffen-Attacke [der irakischen Armee] ›hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen‹?
    Antwort: Wenn der Hass auf Israel das Motiv für den Pazifismus ist und die Konsequenz aus diesem Pazifismus im Erfolgsfall eine Gefährdung Israels wäre, weiß ich nicht , wie man den sogenannten Antizionismus ablehnen soll, ohne auch den Pazifismus abzulehnen. Dass eine Bedrohung und Gefährdung Israels bestand, haben amerikanische und irakische Propaganda behauptet. Irakische Raketen auf Tel Aviv machten die Behauptung glaubhaft. Dass sie auch gestimmt hat, würde ich heute bezweifeln.
    Nachträglich muss ich ferner einräumen, dass mein nur in Konkret erschienenes Pamphlet die Schwäche derer teilt, gegen die es sich richtet. Mischt man sich in aktuelle Kontroversen ein, teilt man halt zwangsläufig deren Niveau. […] [zurück]


Astreines Spiel gegen Köln, guter Auftakt! Weiter so!

Kommenden Montag stellt Necla Kelek das Buch von Thilo Sarrazin vor, in dem er seine rassistischen Äußerungen zusammenfasst und zuspitzt. GLADT e.V. ruft dazu auf, sich an dem angemeldeten Protest dagegen zu beteiligen:

30. August 2010, 10:00 Uhr
Haus der Bundespressekonferenz
Schiffbauerdamm 40
(in der Nähe vom Bundestag)

Freitag, 27. August 2010

Hallo FreundInnen, hiermit laden wir Sie herzlichst zum Goethefest auf der Goethestrasse in Hannover ein. Wir freuen uns am 28.08.2010 von 14-20 Uhr über Ihren Besuch. Um 14.15 Uhr präsentieren sich auch Basketballprofis der UBC Tigers. Herzlichen Gruß Goetheprojekt Organisationsteam http://www.goethestrasse-hannover.de/ Sayın Arcadas, Size bu Cumartesi Goetheplatz'da yapılacak Almanya'nın en ünlü kültür sembollerinden en büyük şaiiri...

In einer Firma, in der ich lange gearbeitet hatte gab es einen schwulen Kollegen. Der war in der Schwulenszene viel unterwegs und ein ziemlich bunter Hund. Von den MitarbeiterInnen seiner Abteilung bekam er jeden Montag morgen ein "Geschenk" in sein Brieffach gelegt. Das war mal eine Tube Gleitcreme, mal eine Packung Kondome, mal ein Schwulenporno, mal eine besonders süße Süßigkeit. Er steckte das stets mit einem breiten Grinsen ein. Ich hatte ihn mal gefragt, ob ihm das nichts...

Jack Wolfskin mahnt haufenweise Blogger ab, die irgendwo Tatzensymbole verwenden. Müsste dann nicht eigentlich auch die taz Jack Wolfskin abmahnen können? Na, die haben wohl Besseres zu tun. Mir juckt es ja jedesmal in den Beinen, wenn ich deren Fernsehwerbespot sehe, bei dem eine Gruppe Leute eine meiner Lieblingsbergtouren geht. Sollte ich jetzt vielleicht gegen Jakob Wolfshaut vorgehen, so nach dem Motto: "Hey, das ist MEINE Lieblingstour"?

 


"People demand freedom of speech as a compensation for the freedom of thought which they seldom use." (Sören Kierkegaard)

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